Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 579 (sequence 18)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 579 mißtrauisch, sie wollen sich auch von der Natur nicht übertölpeln lassen und zerren an dem Schleier der Erscheinung, anstatt sich kinderhaft an ihr zu freuen«, d. h. nach der Lebensanschauung des »Oermanen« Johanson, jede Frucht zu pflücken, ohne Rücksicht auf die Anderen, eine ganz andere, nur viel derbere Selbstsucht, als die des Getadelten. Soll das nach der Meinung der Verfasserin die Panacee für die Juden sein? Auch sie zeigt keinen »Weg ins Freie«. Wie in diesem 2. Teile der Familie Lowositz wird auch im folgenden Romane der Zionismus als Ausweg und letzte Flucht gezeigt für einen, der im Leben Enttäuschungen erfahren hat, nicht aus inneren, sei es religiösen, sei es nationalen Gründen. Es ist Die stille Stadt, Roman von Richard Huldschiner Berlin 1904. E. Fleischel & Co. 223 S. Die stille Stadt liegt merkwürdigerweise in Südtirol und die einfache Geschichte ist in einer zum Teil sehr schönen, zum Teil sehr gezierten Sprache erzählt. Hierher hat sich Elias Merian begeben, um für seine von der anstrengenden journalistentätigkeit angegriffenen Nerven Beruhigung zu finden. Das Fenster seiner Wohnung geht auf ein gegenüberliegendes weißes, scheinbar verlassenes Haus, die Engelsburg. Aber darin wohnt die Nichte des Besitzers, des Herrn von Thaur, die eben verwitwete Eva Kröger, deren verstorbenem Gatten als einem Ketzer von der Geistlichkeit nur unter Protest eine Ruhestätte auf dem katholischen Friedhofe gestattet worden war. Bei dieser Gelegenheit erklärt Merian Hans Sebenhofer, einem Buckligen, der seinen Menschenhaß im Wein zu ertränken versucht: »Ich stamme von einem Volke, dem das Gesetz gegeben ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut, Rache um Rache«. Wo steht das so? Im Pentateuch wenigstens nur die erste Hälfte. Aber das Gesetz wurde vor mehr als dreitausend Jahren gegeben. Müssen selbst jüdische Schriftsteller voraussetzen, daß die 37*