Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 575 (sequence 14)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 575 Wahrheiten, auch über sich sagt, und damit von uns. Kamilla, von Johanson verlassen, dem sie nur eine der Früchte war, die er auf dem Wege gepflückt hat, während sie in ihm die Erfüllung ihrer romantischesten Träume gesehen, greift zum Morphium, das sie von der Pensionsinhaberin kennen gelernt hat und kommt in eine Nervenheilanstalt wie ihre Mutter. Der Arzt, ein großer Menschenkenner, bringt sie allmählich wieder unter einfache Menschen und an der weiblichen Zuneigung zu einem Bauernkinde erwacht die Sehnsucht nach dem eigenen. Sie kehrt nach Prag zurück. Ihren Plan, dem Mann Alles zu gestehen, hat sie auf den Rat des Arztes aufgegeben. Sie will nun in der Aufgabe und mit dem festen Entschluß weiterleben, ihr Kind glücklich zu machen. Wir haben sehen können, daß die Juden im ersten Teil alltägliche, prosaische Menschen voll menschlicher Schwächen sind, denen sich alles um Gelderwerb und Verheiratung der Mädchen dreht, die, kokett und sinnlich, keineswegs unsere Teilnahme erwecken, und der Held Rudolf bleibt bei allem idealen Streben herzlos, gelegentlich roh, ein schlechter Sohn, ein schlechter Bruder, aber den Mund immer voll hochtrabender Redensarten. Im 2. Teil ist es nicht anders; hier wird überdies die Findigkeit und milde gesagt Wandlungsfähigkeit jüdischer Journalisten dargestellt. Betrachten wir nun die Äußerungen über Judentum und über Judenschaft, die an verschiedenen Orten verschiedenen Personen in den Mund gelegt werden, ohne dadurch an Neuheit und Richtigkeit zu gewinnen, wenn auch manches Wahre mitunterläuft. Bei Gelegenheit eines großen Schiffsunglückes ist an der Börse eine große Summe gesammelt worden. Da meint Dr. Bacher, der Leitartikelschreiber eines freisinnigen Blattes: »Natürlich, die Juden müssen immer gleich die ersten sein.« Und auf den Einwurf Rudolfs : »Wie verträgt sich dieser Tadel mit dem Mitleid, das Sie geäußert haben?« fährt er fort: