Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 574 (sequence 13)
- Language
- German
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574 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman spielt aber in der neuen, eigentlich alten Umgebung eine schlechte Rolle; sie wird, obwohl keineswegs mittellos förmlich von dem Mitleid der Samuels abhängig und ähnlich behandelt sie Hermine Ehrenthal. Kamilla denkt wie im 1. Teil (s.o.S.567): »Wenn ich mich so benehmen möchte, wie Hermine, da möcht’ er schimpfen.« Die Prager Juden sprechen, vielleicht unter tschechischem Einfluß, überhaupt ein merkwürdiges Deutsch; z. B. »ich nehme mir auch Müh genug für ihn« oder: »bitt dich, gib mir bissei heißen Tee.« Sie ist den Samuels lästig geworden; da sie aber noch nicht nach Prag zurückkehren will, zieht sie in eine von einer Tschechin gehaltene Pension sehr untergeordneten Ranges, in eine höchst gemischte Gesellschaft, zu der sonderbarer Weise auch der reiche Schwede Johanson gehört, eine Bekanntschaft Rudolfs, der ganz Natur, in Prosa gesagt, ein Selbstsüchtling ist, der nimmt, was kommt, genießt, was sich bietet. Kamilla fühlt sich im Kreise der Pensionäre, deren Gespräche und Sitten hauptstädtisch ungebunden sind, und an die sie den heimatlichen Maßstab: fein und unfein anlegt, nicht heimisch. Durch ihr Klavierspiel wird sie mit Johanson näher bekannt, dann vertraut und zuletzt seine — Geliebte, da er ihr Romanideal zu erfüllen scheint; er ist ja ganz anders als ihr Mann, der für Erwerb zu sorgen hat und die nüchternsten, oft mehr als prosaischen Sachen über das Kind schreibt, an das sie gar nie denkt. Rudolf ist auch von seiner Tätigkeit in Berlin nicht befriedigt, er erhebt von seinem Vater sein bedeutendes mütterliches Erbteil, um nach Paris zu gehen. Endlich gedenkt er auch der Schwester, die so lang vernachlässigt zu haben, er sich vorwirft. Vor allem aber soll sie nach Hause; sie will jedoch von Johanson nicht lassen, und sie nehmen Abschied, beide voll Unwahrheit gegeneinander, trotz Gefühls und Blutsgemeinschaft. Er nimmt auch Abschied von seinen Lesern, denen er zu guterletzt die bittersten