Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 571 (sequence 10)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 571 Refugium der Juden, die Journalisten werden wollen, nach Berlin. Neben Rudolf treten in diesem ersten Teile die anderen Personen In den Hintergrund. Seine Schwester Kamiila muß als Zwölfjährige ihrer kranken, schwermütigen Mutter Romane vorlesen, und da sie von dieser ohnehin eine hysterische Anlage geerbt hat, so übt das eben keinen günstigen Einfluß auf sie aus, die überdies mit den älteren Mädchen der Verwandtschaft verkehrt, die erfahrener sind als sie, d. h. wenigstens in den geschlechtlichen Dingen. Daß sie frühzeitig kokettiert, ist schon gesagt worden. Für den Bruder ist sie der Inbegriff der Reinheit und Unschuld, trotzdem daß sie, von versteckter Sinnlichkeit erfüllt, stets von Liebesabenteuern träumt. Gleichwohl ist sie mit 19 Jahren noch ganz unerfahren. Alle die schlechten Bücher und der gefährliche Verkehr haben sie nicht aufgeklärt. Sie träumt von einer glücklichen Ehe, der sie ihren ganzen Reichtum von Zärtiichkeit mitbringen will. Ihre Beschäftigung mit Kunst und Literatur bleibt oberflächlich. In der Familie denkt man nur an ihre Verheiratung, um jeden Preis. Von Zuneigung braucht nicht die Rede zu sein. Liebe ist überflüssig, sie wird sich schon nach der Verlobung einsteilen, es genügt die Sinnlichkeit, die dann mit der Verlobung eine gewisse Berechtigung erlangt, und die auch der Bräutigam alsbald in Anspruch nimmt. Rudolf denkt natürlich anders, »er sieht ja das Leben anders an wie seine Familie, ja wie alle seine Glaubensgenossen.« Sie wird also mit einem Geschäftsmann verlobt, einem nüchternen, aber braven Menschen, der sich an ihr veredelt und sie durch seine Güte und Zärtlichkeit allmählich gewinnt. Eduard Lowositz, den Vater, haben wir gleichfalls schon kennen gelernt mit der realistischen Auffassung seines Verhältnisses zu Gott. Ebenso äußerlich ist die Ausübung religiöser Gebräuche. Er sitzt »Schiwe« für seine verstorbene Frau. »Acht Tage lang kauerte er auf