Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 570 (sequence 9)
- Language
- German
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570 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman Woher er das weiß, da er eben den Inhalt nicht kennt, vergißt die Verfasserin zu sagen. Selbstverständlich steht ihm daher die Familie seines christlichen Mitschülers Kurt v. Leschner, die kaum noch von den Resten eines ehemaligen Vermögens ohne Gedanken an die Zukunft auf großem Fuße lebt, näher. Er bewundert den leichten Sinn, der den Andern, nur den »Gojim«, den leichtsinnigen Gojim zukommt, da er nicht wie ein Hauptbuch mit Zahlen angefüllt ist, wie bei den alten Juden, während die jungen zu viel denken und, da es einmal so im Kodex der modernen Schriftsteller steht, sich mit unbarmherziger Logik alle Gefühle zerfasern. Das tut er denn auch mit dem Nationalitätsgefühl. Der Vater fühlt deutsch, ein Schwager zwar auch, aber dem Geschäft zuliebe hat der seinen Namen Welsch in Wel§ verslawt. Geschäft und Gesinnung sind doch zu trennen, denkt er (womit wieder gesagt sein will, daß den Juden ersteres vor Alles geht). Er selbst ist ein Deutscher, und doch auch nicht. »Deutsche seid ihr ja doch nicht« sagen die Tschechen, aber »Tschechen doch auch nicht« sagen die Deutschen. »Wir haben gar kein Vaterland« schließt Rudolf mit Auguste Hauschner, ganz falsch vor die falsche Alternative gestellt. Nach bestandener Reifeprüfung gerät er in das rege politische Leben Prags. Sein Schulgenosse und Freund Feldstein, ganz deutsch, will einen neuen Verein gründen aber als Jude nicht aus echtem Gefühl heraus, sondern aus Ehrgeiz. Rudolf steht dem kühl gegenüber; er findet sich darein, daß, seinen Ansichten von der Ehe entgegen, Kamiila einen Geschäftsmann, durch die »Schatchente« vermittelt, heiratet, denn im Grunde ist der junge, unreife Mensch trotz allen Redensarten von Opfern, die er bringe, selbstsüchtig. Da nach der Schwester Abreise das väterliehe Haus ihm noch ungastlicher, die Verhältnisse an der deutschen Universität unleidlich geworden sind, verläßt er Prag und begibt sich, wie Arnold Beer, in das allgemeine