Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 569 (sequence 8)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 569 Menschen, der sich geopfert hat, weil er glaubte, damit die Menschheit zu erlösen. Und es drängt ihn, sich vor ihm hinzuwerfen, sich ihm zu geloben. Die praktischen Ergebnisse dieses traditionelltheoretischen Opfers zeigen sich ihm ganz unmittelbar in einem Spottlied auf die Juden, das ihm einige halbwüchsige tschechische Mädchen mit entsprechenden Grimassen nachsingen. Trotzdem fühlt er sich von der Gemeinschaft mit seinen Blutsverwandten bedrückt. Der Vater, obwohl kein strenggläubiger Mann, hält darauf, sich an hohen Feiertagen mit seinem Gotte gut zu stellen und sich durch Befolgung der Gebote seine Gunst zu sichern. So beim Peßachfeste. Hier fühlt sich die gesamte Familie ganz in dem Gefühle der Zusammengehörigkeit, die ihre Väter aus dem Morgenlande gebracht und die der Ghettoboden sorgsam großgezogen hat. Stolz sind sie von den Andersgläubigen getrennt, sie, das auserwählte Volk. Nur Rudolf leidet darunter, denn zwischen ihm und dem Vater, dem bedrängten Geschäftsmann, besteht ein tiefer Zwiespalt, in dem der Sohn sehr unkindlich und unjüdisch empfindet. So fühlt er sich beim Feste als Verräter an seinem alten Glauben (?), aber auch als Judas an seinem neuen, daß er die alten Formeln nachspricht, daß er nicht aufspringt und sich zu dem bekennt, den seine Vorahren gekreuzigt haben (1); denn obzwar ihm Dr. Markus von der Entartung der Lehren Christi erzählt hat, wie sich aus ihnen ein Kirchenglaube entwickelt habe, will er doch »atürlich eine neue Lehre gründen, die nach der schlackenlosen Lehre Christi leben soll. Während Kamilla als Vertreterin (!) der kranken Mutter den Tempel besucht und wenn auch erst zwölfjährig den Gottesdienst benutzt —t mit den jungen Leuten ihrer Bekanntschaft zu kokettieren betritt Rudolf nur ungern das Gotteshaus, er will nicht »stundenlang in einem unverständlichen (soli heißen: unverstandenen) Idiom (!) Gebete plärren, die selbst, wenn er sie verstünde, seinem Empfinden nichts bedeuten würden.«