Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1914-01-01 · Heft 5 · p. Seite 567

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
58 (1914)
Issue
Heft 5
Article
Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
Date
1914-01-01
Page
Seite 567 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2829859-2829865-2893231--41534-2893293
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

des zwanzigsten Jahrhunderts. 567 Gleise verlaufen. Bleibt demnach wieder die Darstellung der Charaktere, die allerdings nach streng realistischer, noch mehr naturalistischer Vorschrift entwickelt sind. Dazu gehört denn auch wohl die Sprache, die annehmen läßt, daß das Buch wieder nur für Juden geschrieben ist. Bei Anderen kann man doch die genaue Kenntnis des Jargons nicht voraussetzen und ich finde, man muß nicht deutsch-national sein, wie der Held Rudolf, um das Gemauschel unausstehlich zu finden. Kamilla, die eine Schwester, mauschelt selbst im Denken; denn sie denkt z. B.: »Wenn ich so schlürfen möchte, wie der Rudi, möcht׳ sie mich jagen«. Die ältere Schwester wieder sagt: »Nu nein, solche Reschoim, die werden einem Juden was zu essen geben1« Daß von Reschoim die Einzahl Roscho ist, und was beides bedeutet, wird ein Nichtjude, wenn er nicht hebräisch kann, schwerlich wissen, und was »Barches« sind, wissen selbst viele Juden nicht mehr. Was heißt: »Nebbich« oder »Schatchente« oder gar »Schiwe«? Trotz dieser jüdischen Brocken und Ausdrucksweisen begegnen uns viele Verstöße gegen jüdische Gebräuche. Rudolf, ein bengelhafter Gymnasiast in den besten Flegeljahren, fühlt sich natürlich im Gymnasium nicht befriedigt, so wenig wie im elterlichen Hause. Es werden alle die sehr alten Mätzchen uns nicht erspart, mit denen von jeher das Gymnasium und seine Lehrer in ihrer Dummheit, Untauglichkeit und Schlechtigkeit bedacht werden. Im Gegensatz zu diesem angeblich geistlosen, verdummenden Unterricht stehen die Privatstunden, die er im Englischen bei Dr. Markus nimmt, dem allein er auch seine geistigen Bedenken und Zweifel anvertraut. So fragt er einmal »Was macht unsern Glauben so verhaßt, Herr Doktor?« »Unser Glaube« antwortet Dr. Markus, »trägt wohl am wenigsten die Schuld an unserer Unbeliebtheit. Ich meine immer, im letzten Grund ist es ein Instinkt, aus dem heraus die andere Rasse (schon wieder das unverstandene, fast

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.