Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 565 (sequence 4)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 565 art der Jüdinnen ist. Aber die jungen Schriftsteller kennen ganz eigene Menschen und mich will bedünken: Was ihr den Oeist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist. Ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer ... Als Mutter bringt sie dem Kinde keine rechte Liebe entgegen; gerade nach dem Wochenbette, als sie ihre Kräfte langsam wieder kommen sieht, überfällt sie eine brausende Sehnsucht nach dem Rausch des Lebens, und sie spielt stets mit dem Gedanken der Untreue. Erst nach der Verheiratung mit Albert liebt sie das Kind, da es größer geworden, stark und heiß und auch ihren jetzigen Mann, der sich anfangs vor den jähen Ausbrüchen ihrer sinnlichen Leidenschaft gefürchtet hat, nun reiner. Glücklich ist sie gleichwohl bei ihrem »umfassenden Genußvermögen« nicht. Trotzdem wird sie, da die Vermögensverhältnisse sich verschlechtem, haushälterischer, sie erzieht sich sozusagen an dem Schwächling. Und dieser? Der ist, wie gesagt, ein schwacher Mensch, der jedes Aufsehenmachen fürchtet, ohne sich jedoch verschiedene Annehmlichkeiten zu versagen. Er wohnt wohl bei seinen Eltern, hält aber doch eineeigenejunggesellenwohnung. Er fragt immer: wie wird die Sache ausgehen? Auch das heimliche Glück mit Susannen trägt er aus diesem Grunde schwer. Er ist so ängstlich, selbst die fernste Gefahr kann ihn schrecken; auf seine Freiheit arg und auf sein Fortkommen noch ärger aus .. , Wie die Aussicht darauf geschwunden ist, greift er zu dem letzten Mittel aller Schwächlinge, zum Selbstmord. Susannens Mann, Leopold Stern, ist zwar ein tüchtiger, aber ganz ungebildeter Mensch, steht jedoch, abgesehen von seiner Sinnlichkeit, die nun einmal für einen jüdischen Romandichter mit dem Juden unzertrennlich verbunden ist und ihn die schöne Gattin ihrer körperlichen Reize wegen nicht vergessen