Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 501 (sequence 19)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 501 Claire soll den Hartensteins die aristokratischen Häuser erschließen. »Aber«, meint Graf Ludomirski, der Heinrichs Schwester Charlotte zur Frau hat, »so leicht geht das nicht. Wenn die Claire den Heini heiratet, so gilt sie bei den Harrachs und Schwarzenbergs für eine Jüdin und wenn sie auch noch so gut getauft ist . . . Eine Aristokratin, die einen Juden geheiratet hat, die kommt nicht mehr in die Aristokratie hinein ... Es ist das größte Verbrechen, das eine Aristokratin begehen kann ... Ich kenne dutzendweise Grafen, Fürsten und Barone, die die Töchter von Schweinemästern, Fabrikanten, Griechen und Juden geheiratet haben, aber ich kenne keine einzige Aristokratin, die die Frau eines Juden geworden wäre«. Auch ihm selbst wiil es nicht in den Kopf, daß Claire einen Juden heiraten will: »Getauft oder ungetauft, das ist alles eins.« Dabei steht, beiläufig gesagt, dieser christliche Ade! moralisch nicht eben hoch. Sie verkehren im Hause des Barons Eckert, wo die Verlobung vor sich gehen soll, zwar mit dem reichen jüdischen Bankier fast wie mit Ihresgleichen, hinter den Rücken verspotten sie ihn unbarmherzig. Sie benutzen den krankhaften Ehrgeiz des alten Hartenstein, um manchen Vorteil sehr materieller Art von ihm zu erlangen, allen voran Baron Eckert, der selbst den geriebensten Juden überlistet. In diese Gesellschaft tritt Heinrich. »Ach, der Herr Israelit,« flüstert der Forstmeister von Seliger. Heinrich hört es. »Sie irren, Herr Forstmeister! Ich bin kein Israelit.« »Ach, schon getauft? Ich gratuliere herzlichst.« »Nein, ich bin Jude und das ist etwas anderes, als Israelit. Ein Jude besitzt die guten und schlechten Eigenschaften, ein Israelit bloß die schlechten Eigenschaften der Juden. Ich aber bin Jude. Merken Sie sich dasl« Und Claire meint: »Wir stehen so hoch, als wir uns selbst stellen . . . Auch die Juden stünden höher, wenn nicht sie selbst sich erniedrigen würden. Es fehlt ihnen, glaube ich, zumeist an Mut.« »Jawohl,« entgegnet Heinrich, »an