Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 488 (sequence 6)
- Language
- German
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488 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman haben. MH Händlern, Maklern und Agenten der Stadt steht er in regem Verkehr. So fährt der Büttnerbauer in die Stadt, geht aber, statt auf offenem Markte zu verkaufen wie so viele andere, zu Samuel Harrassowitz, der ihm voriges Jahr einen guten Preis bezahlt hat. Harrassowitz ist ein mittelgroßer, zur Korpulenz neigender Mann, mit kahlem Kopf, gebogener Nase (selbstverständlich!) und brandrotem Barte (selbstverständlich!), hat kurze, krumme Beine (selbstverständlich!) und ist sinnlich und lüstern (wieder selbstverständlich!). Der geriebene Kaufmann weiß den einfachen Bauer auszuholen, so daß dieser ihm sein Herz ausschüttet und er seine mißliche Lage erkennt, ln scheinbarer Hilfsbereit- Schaft bringt er ihn, da er selbst angeblich keine Geldgeschäfte macht, zu einem Glaubensgenossen, Isidor Schönberger, mit dem er natürlich unter einer Decke steckt. Schönberger, selbstverständlich ein fetter, kahlköpfiger Mann mit großen, dunklen Augen und gebogener Nase (siehe oben 1) macht allerlei Schwierigkeiten, übernimmt aber endlich die Hypothek zu 5 vom Hundert. Das ist der Anfang vom Ende. Kaschei kündigt seine Hypothek, Harassowitz schafft wieder Rat und borgt ihm bis nach der Ernte gegen einen Wechsel 400 Mark für die dringendsten Bedürfnisse. Die Ernte mißrät und reicht nicht einmal zur Deckung des Wechsels und Bezahlung der Michaeliszinsen, ln der Stadt sind weder Harrassowitz noch Schönberger zu sprechen, und der Kontorist Schmeiß ist nicht entgegenkommend, erscheint aber einige Tage später in Halbenau. Er arbeitet für die beiden Kaufleute als Strohmann bei Häuser- und Güterankäufen, als Bieter bei Zwangsversteigerungen. Wenn ein Kleinkrämer oder Handwerker in »momentaner Verlegenheit« ist, tritt er als Helfer in der Not auf, jederzeit bereit Wechsel zu diskontieren, Geldsuchenden gegen Provision Darlehen von Dritten zu verschaffen, hat jederzeit mindestens ein Halb-