Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das Königlich Westphälische Konsistorium der Israeliten
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 480 (sequence 27)
- Language
- German
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480 Das Königlich WestphäÜsche Konsistorium der Israeliten. es nur in nothdürftiger Beziehung zum Rabbiner, in aller anderen Hinsicht und so auch der Schulen jede auf die eigene Lust und Tüchtigkeit angewiesen. So mußte dem Rabbiner die Aufsicht entgehen, die kein anderer übernahm, denn selbst im Inneren der Gerneinde war jede Willkühr freigegeben. Die Vermögenden nahmen gelegentlich Privatlehrer ohne weitere Prüfung, als welche, die eigne Bildung zuließ, entzogen sich alsdann den Beiträgen, die denen ohne Kinder von selbst abgenommen waren. Der Gemeindelehrer wird demnach bloß von den Unbemittelten gesucht und bei Mangel an Schulfonds1 2 *) aus ihren Vermögen besoldet. Bei mäßigem Gehalte sind es auch die Forderungen, die Erfüllung noch geringer; denn wem stand über die Tauglichkeit ein Urtheil zu? Wiederum waren wegen Beitragsunfähigkeit die Armen oft ganz ausgeschlossen, während da, wo die Reicheren alles leisteten, ihnen die Last drückend, das für ihre Kinder erreichte (da immerhin das rechte, gemeinsame unmöglich) unersprießlich ja verderblich, sich zeigte. Der unwissende unfähige Lehrer war indeß nicht der alleinige Unfall, selbst der Trefflichste mußte, in seiner nothwendigen Abhängigkeit von den wählenden Gemeindemitgliedern, sein besseres Wissen dem ihrigen unterwerfen und nach ihrer vorurtheilsvollen Weise den Unterricht umkehren, beschränken, oder sich in urigemessener Weite über alles gleichzeitig verbreiten. Ganz ohnbezweifelt aber stand jedes Vaters Befugnis, den Sohn, sobald er ihn irgend zu gebrauchen meint, heimzuführen. Den Durchschnitt desjenigen, was der dreizehnjährige Konfirmationsknabe als erlernten Schatz mitbracbte, können wir in dem engen Bereiche begreifen: Eine Zahl üblicher Ceremonial-Gesefze, hebräisch Lesen ohne Verstehen des Worts, endlich sehr knappes deutsch Lesen und Rechnen; durchaus aber keine Begriffe von Sittlichkeit und wahrem Gottes glauben5), als die in jede menschliche Brust unauslöschlich gesenkte, keine Geschichte, selbst die nicht seiner Vorfahren, denn nicht einmal die Bibel ist ihm gedeutet. (Doch weiß er noch mehr als das Mädchen, für ihre Erziehung ist noch weniger gesorgt.) Aus solcher Tiefe sollen wir die öffentliche Bildung zu Licht und Blüthe heben, daß wir mit Muth und Vertrauen uns dem schweren Versuche weihen, dazu bedürfte es wahrlich des kräftigen Mitwollens der thätigen Zusicherung unserer Regierung. Belohnend genug wäre die Aussicht, eines Staates, der als der gebildetste, ruhmvollste in Mitten aller stehend, uns zu seinem Bürgerrechte berufen, einst würdig zu ג) Bei der Enquete von 1806 fanden sich nirgends Schulfonds. 2) Dieser Passus ist, wohl von dem Regierungsreferenten, unterstrichen und an den Rand geschrieben: sehr wahr.