Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die jüdischen Realschulen Deutschlands
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 445 (sequence 16)
- Language
- German
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Die jüdischen Realschulen Deutschlands. 445 während einer Geschäftsreise in Marburg einen jungen, galizischen Wandersänger gehört, der trotz seines verwahrlosten Aeußeren das Gefallen des Bankiers in dem Maße fand, daß er ihn mit nach Hause nahm und seinem Buchhaiter übergab, damit er einen Menschen aus ihm schnitze. Siegmund Geisenheimer, selbst ein begeisterter Menschenfreund, griff nach der Gelegenheit, verband sich mit drei gleichgesinnten, jungen Leuten, suchte sich noch zwei Waisenknaben und gründete für deren Unterkunft und Erziehung das jüdische Philanthropin. Mit dem ersten Schutzbefohlenen, — er hieß Moses Samuel Weintraub, — hatte er zwar wenig Glück, das unruhige Blut konnte sich der Disziplin nicht fügen und mußte bald entfernt werden; aber die Institution blieb bestehen und setzte ihren Weg trotz politischer Wirren und innerer Schwierigkeiten, mit zunehmendem Glücke fort. Die ersten drei Zöglinge besuchten noch die Musterschule und wurden von einem Lehrer, der mit ihnen in einem Zimmer wohnte, bloß im Hebräischen, im Schreiben und bezüglich des Betragens unterwiesen; aber schon auf den ersten Prospekt, noch 1804, meldeten sich 260 Männer mit wöchentlich 6 Kreuzer Beiträgen; zahlende Schüler wurden aufgenommen und 1806 konnten zwei selbständige Klassen mit 16 Schülern ins Leben treten. Die erste erhielt 45, die zweite 49 Stunden die Woche: »man konnte sich eben mit Lehren und Lernen nicht genug tun«. Eine intensive Förderung erhielt die Schule durch den neuen Gebieter Frankfurts, den verdienstvollen Fürstprimas Carl v. Dalberg, dessen Toleranz und Kulturfreundlichkeit dem jüdischen Philantropin in gleichem Maße Unterstützungen und Geschenke zukommen ließ, wie den christlichen Schulen Frankfurts. Freilich wurde der ganze Bestand des Philanthropins bald gefährdet, als die neue »Stättigkeit« eine neue »allgemeine« Schule vorschrieb, in der sämtliche Kinder der Gemeinde, beiderlei Geschlechtes, arm und reich vom 4. bis