Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die jüdischen Realschulen Deutschlands
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 439 (sequence 10)
- Language
- German
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Die jüdischen Realschulen Deutschlands. 439 Damals legte Jacobson statutarisch fest, daß in der Schule, sowie im angegliederten Internat von nun an stets auch christliche Schüler unentgeltlich aufgenommen und verpflegt werden sollten, wodurch er das noch heute vielerseits erstrebte Prinzip der Simultanschule wohl zum erstenmale verwirklichte. Für vollendet betrachtete Jacobson sein Reformwerk trotzdem erst 1807, als er im Hofe seiner Anstalt, von der Straße aus sichtbar, eine nach seinem Vater »Jacobstempel« benannte Synagoge errichtete, in der er auch seine gottesdienstlichen, bedeutungsvollen Neuerungen zur Ausführung brachte. Hier erklang die Orgel zuerst beim jüdischen Gottesdienste1), hier wurde deutsches Gebet und deutsches Gemeindelied eingeführt, und natürlich kam von der Kanzel bloß die jargonlose, reiQdeutsche Predigt zu Worte. Anläßlich der weithin schallenden Einweihungsfeierlichkeiten am 17. Juli 1810, deren Verbrüderungsmotive von Augenzeugen als noch nie dagewesen geschildert werden, entwarf Jacobson in seiner Weihepredigt ein ideelles Programm der interkonfessicnellen Erziehung. Um eine Annäherung der Bekenner der beiden Religionen, um Beseitigung der gegenseitigen Vorurteile war es ihm zu tun, was in erster Reihe seinen Glaubensgenossen zugute kommen mußte. Fern lag ihm jedoch die Verschmelzung der Konfessionen oder der Ritus; »eine gemeinsame Gottesverehrung von zwei Parteien, deren Grundsätze-— weit auseinander liegen, scheint nur ein Hirngespinst eines luftigen Schwärmergeistes zu sein«. Trotz mancher Enttäuschungen, die Jacobson nicht erspart blieben, — sein eigener Sohn wurde von dem Seesener Zünften abgewiesen, einige Verwandte kehrten noch bei seinen Lebzeiten ihrem väterlichen Glauben den Rücken, — blieb er seinem Ideale treu, und noch heute *) Nach Zunz, Gottesdienstl. Vorträge, S. 476, soll in Prag bereits 1716 ein Tempel mit einer Orgel ausgestattet gewesen sein, doch blieb dieses Beispiel ohne jede Nachahmung.