Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die jüdischen Realschulen Deutschlands
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 432 (sequence 3)
- Language
- German
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432 Die jüdischen Realschulen Deutschlands* in der nächsten Nähe seiner Qeburtsstadt die Pforten eines neuen Lehrhauses der alten Lehre eröffnet. Bet ha-Midrasch nannte es sich in ganz traditioneller Weise, und Herz und Philipp Samson waren seine Stifter. Anfangs hatten die Samsons, die seit Generationen Kammeragenten und zugleich Landesrabbiner des Herzogtums Braunschweig waren, neben ihren Betstuben mehrere solcher Lehrhäuser in Braunschweig und Wolfenbüttel, auch sonstige Familienstiftungen. Jetzt vereinigten sich die verschiedenen Vermächtnisse zu einem Schullegate, aus dem 8—10 arme, begabte jüdische Kinder zu »Bachurim« erzogen werden sollten. Als Studienort wurde das am Harz gelegene, sonst unbedeutende Wolfenbüttel gewählt, das aber eben in diesen Jahren zu weit״ geschichtlicher Berühmtheit gelangt war. Hatte doch Lessing 1779 in diesem Städtchen sein letztes Lebenswerk, den »Nathan« vollendet, das Evangelium der wahren Toleranz und Menschenliebe, nach Auffassung der Zeitgenossen die Apotheose des Mendelssohnschen Geistesl Ob dieser Geist des Dessauer Weisen nun sogleich in die Samson'sche Lehrstube Einlaß fand, können wir für die ersten Jahre schwer nachweisen. Jedenfalls beanspruchte der Talmud den weitaus größten Teil der Lehrzeit. Dem Lesen, Rechnen und (jüd.) Schreiben . waren wöchentlich kaum 4—5 Stunden gewidmet. Sogar dem Bibellesen verblieb bloß der kurze Freitag-Nachmittag. Hingegen steht es außer Zweifel, daß, als im Jahre 1806 die Schule den Namen »Samson’sche Freischule« annahm, auch ihr Charakter weltlichen Anstrich bekam, auf den die in der Nachbarschaft gegründete Jacobsonschule sicherlich abfärbte. Aber obwohl die Stifter der beiden Anstalten miteinander verschwägert waren, die Schulkuratorien sogar bis heute in gegenseitiger Berührung stehen, finden wir hier in Wolfenbüttel jahrzehntelang keine Spur jener ureigenen Jacobson’schen Neuerungen, die für Seesen so charakteristisch wurden.