Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 376 (sequence 18)
- Language
- German
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376 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman Die Neuvermählten verlassen die Stadt. Kurt Günther sehr ungern, Frieda band kein Heimatsgefühl (die Juden haben es eben nicht) an den Ort, jeder weichliche Zug war ihr fremd. In Wien machen sie Halt. Sie läßt sich seine angefangenen Romane und Novellen vorlesen und verwirft sie. Er spiele mit großen Worten, (und das hat die so klar und hell Sehende früher nicht erkannt?), er sei kein Dichter, aber mehr und Selteneres: ein Kritiker voll künstlerischer Empfindung; damit könne er sich eine Menge Geld verdienen (was bei der Jüdin die Hauptsache ist). Sie leitet ihn nun, treibt ihn an, sie ist der Mann, sie macht ihm die Auszüge, heimlich, sie streicht, sie feilt, das sorgfältige Vollenden ist ihm eine Last; sie, deren Väter einst Moses aus der Arbeitsfron hinausgeführt hat, beugt nun den Sprossen eines dem ihren fremden Volksstammes in das Joch der Arbeit. Das ist zwar ein wenig weit hergeholt, tut aber wieder nichts, wir dürfen es nicht so genau nehmen, wenn es sich um leeres Strohdreschen handelt, siehe 5. B. Mos. 25, 4. Fahren sie in den Abendstunden aufs Land, so tut es Frieda nur dem Mann zuliebe, denn ihr fehlt der Sinn für die Natur (der fehlt den Juden, das ist ein Axiom), sie sehnt sich nach Hause, schon um den »Sperrsechser« zu ersparen. Fast droht die Gefahr der Entfremdung; der Schwächling glaubt, sie unterschätze ihn, denke aus ihm einen gehorsamen Handwerker zu bilden, er ist ein Genie, sie wohl ein entzückendes Weib, aber nur ein Weib, kein Genie. Die Gefahr geht, ohne daß es uns weiter glaubhaft gemacht wird, vorüber. Er schreibt gar nicht mehr, das tut sie nun, um beide zu erhalten. Je unwürdiger er sich vorkommt, desto inniger liebt er seine Frau, die ihr Leben an das seine, unsichere gebunden hat. Endlich winkt das Glück. Ein reicher Kaufmann, Konsul, den sie durch Friedas Beharrlichkeit kennen gelernt haben, trägt ihm eine einträgliche Arbeit als Architekt an, überdies gewinnt er den ersten Preis für den Plan eines modernen, großangelegten