Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 375 (sequence 17)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts• 375 Christenkind beneidet; da sie ein halbwüchsiges Mädchen geworden war, haben ihre ersten jungen Liebesträume Christenknaben gehört. Jetzt fühlt sie von Tag zu Tag mit Jubel die Macht wachsen, die sie über diesen Mann ge* wohnen, dessen arische Oes innungsart sie wie berauscht einsaugt, Ihr Wille und seine Begabung (Gegensatz Jude: Wille, s. u. — Arier: Begabung), wenn die sich vermählen, muß die Welt von ihnen niedergezwungen werden. Gleichwohl schlägt in ihr die Jüdin durch; oft, in Gedanken, im Ausdruck des Wortes, in der Geste spürt sie es wie einen Schlag, der ihr ins Gesicht fällt, ihr ist, als gehorche sie einem plötzlich sie überwältigenden Zwang, a!s greife ein Totenarm aus dem Schutt derjahrtausende nach ihrem durchpulsten Leben und zwinge es in eine Form, die sie längst zerbrochen zu haben glaubt. Endlich willigen die Eltern ein. Dank dem Zartgefühl seines zukünftigen Schwiegervaters hat der Verlobte keine Ahnung, ob er ein armes Mädchen oder eine wohlhabende Erbin heimführen werde Dieses Feingefühl zeigt sich jetzt überhaupt sehr feinfühlig. *Gib ihm Schnaps«, sagt die Großmutter, »aber heute vom besten. Und was zu essen, er schaut ja genug verhungert aus, der arme Schlucker«. Auch eine Zigarre kriegt er, sie kostet 85 Heller, versichert Feigelstock. Kurt Günther wird allgemein verurteilt, daß er eine nicht hervorragend reiche Jüdin heirate, denn daß reiche Jüdinnen sebst von Grafen und Prinzen geheiratet werden, komme ja alle Tage vor. Nur die Präsidentin freut sich. »Die Judenfrage wäre längst aus der Welt geschafft, wenn mehr Jüdinnen (reiche wohl?) von Christen geheiratet würden. (Umgekehrt nicht? Nein, dann bleiben die Kinder wahrscheinlich Juden).... In der Politik wird ein Jahrhunderte langer Zwist durch eine einzige Ehe beigelegt. Bei der Rassenfrage wird das Mittel zu selten versucht«. Das ist offenbar die Ansicht der Verfasserin und Zweck des Romans.