Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 374 (sequence 16)
- Language
- German
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374 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman in greifbare Wirklichkeit zurückzuführen; sie sieht nicht zu den Gestirnen empor, wie er, ihre Blicke suchen die bessere Seite des Pflasters, was einen sehr schönen Gegensatz zwischen dem idealen Arier und der praktischen Semitin ergibt. Sie kann ihm, meint er, nicht folgen; als Frau verstehe sie nichts von Architektur, als Jüdin gehe ihr der Sinn für Astronomie ab, die große Architektur des Weltalls. Es fällt ihm ein, daß sie auch nicht musikalisch ist. So fehlt ihrem klugen Kopf das Verständuis für die drei Reiche, in denen eine erhabene Gesetzmäßigkeit im stolzen Schwung der Linien, das scheinbar Unermessene sich unterordnet. Die Jüdinnen sind sehr zu bemitleiden, wenn selbst ein Ideal wie Frieda so armselig und nüchtern ist. Frieda läßt sich taufen, protestantisch, was bei uns in Österreich für nicht ganz vollwertiges Christentum gilt. Es fällt mir bei dieser Gelegenheit ein wahres Geschichtchen ein. Ein jüdischer Student, eben in die Großstadt gekommen und entschlossen, nur »koscher« zu essen, wird von seinem Zimmergenossen, einem quittierten Hauptmann, in ein christliches Gasthaus geführt. Von dem schon Berauschten gedrängt, etwas zu nehmen, weigert er sich anfangs, gibt aber endlich, um in dem vollbesetzten Gastzimmer Aufsehen zu vermeiden, nach und bestellt als am wenigstens »trefeh« einen Kalbsbraten mit Rahm. Ähnlich Frieda. »Ich denk’ an deine Eltern«) sagt sie, »an die allein«. An ihre Eltern denkt, trotz dem idealen Familiensinn, die Treffliche nicht. »Meine Mutter muß mir alles vergeben — darum ist sie meine Mutter« und verschweigt die furchtbaren Kämpfe zu Hause, die stattfinden, nicht so sehr, weil er ein Christ, als weil er kein reicher Christ ist. Man stellt ihr vor, daß er seine erste Frau — K. G. ist geschieden — rücksichtslos behandelt habe, sie aber spürt in ihm eine Wesensart, die sie bei ihren Stammensgenossen niemals gefunden. Seit ihrer ersten Kindheit hat sie heiße Tränen darüber geweint, daß sie eine Jüdin war und hat jedes