Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 11)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 369 — also Kurt Günther, ein Künstler und zwar Architekt, Dichter, Maler und weiß Gott was alles, mit braunen, seidenweichen Locken und einem Künstlerkopf, wie ihn gleich dem seinem auf Meilen in der Runde (was übrigens nicht viel sagen will, da wir uns in einer Mittelstadt [Brünn] befinden) niemand trug, was wir wieder der weiblichen Schriftstellerin zugute halten wollen, hat das Weib nach jeder Richtung hin ausgekostet, ist aber vorläufig nur der Kleinstädterinnen überdrüssig; sie haben es ihm allzuleicht gemacht, und er war nicht wählerisch gewesen. Seinen Eltern, die ihn natürlieh nicht verstehen, da der Vater ein Professor im Ruhestände ist, steht er fremd und ohne Gefühl gegenüber, er denkt eben nur an sich. Er liebt schroffe Gegensätze, weil sie seiner Stimmung einen Wechselreiz (??) geben. »Gräfin« ist eines der wenigen Worte der deutschen Sprache, die er mag. Eitel, sich selbst bewundernd, ist er doch über phantasiereiche Entwürfe nirgends und niemals hinausgekommen. Man glaubt manchmal, Frau oder Fräulein Dichterin wolle sich über ihren Helden lustig machen. Das ist aber durchaus nicht der Fall. In der Stadt soll ein großes Fest stattfinden. Die Präsidentin schlägt für die lebenden Bilder auch Frieda Feigelstock vor (Das ist gar nicht originell, liebe Maria Stona, denn Juden und Jüdinnen heißen ja meist so oder Moses oder Samuel, Sarah, Lea oder Rachel), die in der Gesellschaft (in welcher? dieser vornehmen?) den Spitznamen Rachel trägt. »Daß sie eine Jüdin ist, wissen wir alle. Sie ist ebensogut Jüdin, wie wir Christen sind. Aber sie ist noch mehr, als manche von uns. Sie ist nämlich fabelhaft begabt und ganz hervorragend intelligent, dabei bildhübsch«. Kurt Günther, immer mit beiden Freytagischen Namen behängt, wirft die Bernerkung ein, daß es ein rein arisches Fest sein sollte. *Reden Sie nicht solchen Unsinnl« ruft die Präsidentin. »Hier hört sich das Ariern aufl Wir brauchen Geld aus allen Klassen, verstanden!« Dennoch stimmt Mdßntsschzlft, 58. Jahrgang. 24