Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 367 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829859-2829863-2892949--41329-2893074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
des zwanzigsten Jahrhunderts. 367 ändert an der Tatsache nichts. Wenn die Juden heute im wirtschaftlichen Kampf die Erfolgreicheren sind, wer hindert Sie, ihnen gleich zu tun?,« Der Schluß ist: »Raus! Raus! Jud! Raus!« Das geschieht dann auch auf sehr handgreifliche Art. So hat Wolfgang Rosen seinen echten Mut bewiesen; sie aberheiratet den jüdischen Geheimrat Leßmann, mit dem als gewiegtem Finanzmann den Grafen Rechtem fast Freundschaft verbindet. Der Zusammenschluß von Hochadel und Hochfinanz, an dem Leßmann viel gearbeitet hat, scheint erreicht. Wolfgang kommt wegen einer revolutionären Schrift ins Gefängnis. Die Familie sagt sich öffentlich von ihm los. Nur die Mutter und Rose halten zu ihm. Sie hätte ihn geliebt, wenn er nicht ihr Bruder gewesen wäre. »Alles ist, wie es ist, gekommen, weil von Anfang an Schuld und Lüge war«. Spät erkennt auch der Herr Graf seine Verfehlung, aber Adeline, die sieht, daß er innerlich gebrochen ist, verläßt ihn. »Unser Weg ist nicht mehr der gleiche. Ich habe dich begleitet, solange es sein mußte, bis du auf der Höhe standest. Nun muß ich heim gehen. Mein ganzes Leben hier bei Euch in Nadlitz war eine Lüge. Jetzt will ich frei sein und will bekennen. Wenn ihr mich braucht, du weißt, wo ich bin«. Sie geht nach Berlin in die bescheidene Wohnung Wolfgangs. Ihr Vater ist schon früher gestorben; bei seinem Leichenbegängnis sind einige alte, ärmlich gekleidete Juden, denen er heimlich Unterstützungen gewährt hatte, die einzig ehrlich Bewegten gewesen. Hier in Berlin wohnt sie nun unter den Armen, wie schon ihr Sohn vor seiner Verurteilung. Sie ist klein, schwach und gealtert, er selbst eher wohler geworden und sieht stark und zuversichtlich aus, der starke, feste Mund seiner Tante Hertha gehört jetzt einem Manne. »Bist du nun daheim?« fragt Wolfgang. »Bleibst du immer bei mir?« »Immer«, sagt die Mutter, »und deinen Weg, wohin er führt, gehe ich«. »Aber der nimmt nie ein Ende und