Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 365 (sequence 7)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 365 entlud Shylok, die Moderne erfand den Wucherer und den Jobber, Schmock, Itzig, Gundermann. Jeden formte derselbe Haß, bildete die gleiche feurige oder geekelte Verachtung 1 — Dem Arbeiter legte sie die Roheit auf die Zunge, der Gebildete höhnte oder hielt sich in beleidigender Duldsamkeit zurück. Die Armen waren verachteter als die Reichen,wurden grausamer noch und rücksichtsloser getreten, weil ihnen das einzige Mittel, sich schmeichelnd Zulaß zu erkaufen, fehlte. Der blöde und tiefgewurzelte Haß der Andersartigen wendete sich gegen »eine intelligente, hoch־ stehende und feinnervige Rasse«. So ist aus Saulus ein Paulus geworden, so spricht nun die Jüdin, der vorher alles Jüdische als häßlich und niedrig gegolten hat. Wir werden nicht irre gehen, wenn wir dieses Urteil über die Juden für das der Verfasserin halten. Es tritt überhaupt, ich kann nicht sagen, ob beabsichtigt, eine völlige Umkehrung der Charaktere zutage. Während Adeline ganz zur Hausfrau der alten Art sich entwickelt, wird Philipp von dem Fieber des Gelderwerbes gepackt. »Es liegt eben doch nicht«, wie Adeline ihrer Schwester Hertha in ihrer berichtigten Erkenntnis bemerkt, »wie wir immer geglaubt haben, in der Rasse— die Anständigkeit, die Wahrhaftigkeit usw. Sieh diese Käthe Rechtem an!« Mit dieser macht Bob recht traurige Erfahrungen. »Ich bin die Gräfin« denkt sie, »und habe einen Judenjungen geheiratet. Jetzt soll ich nicht mal Kleider, Schmuck, Autos haben?« Die Ehe droht in die Brüche zu gehen, sie trennen sich einstweilen, und Käthe lebt unbekümmert um der! gesellschaftlichen Bankrott flott von der ihr ausgesetzten Rente weiter. Auch Daisys Unvorsichtigkeiten gegen den Fürsten, der körperlich wie geistig gleich ohnmächtig ist, geben zu vielen Gerüchten Anlaß, die man selbstverständlich nicht verschmäht mit Rasse und Abstammung der Geschmähten zu verknüpfen. Sie will aber das Leben voll genießen, denn sie ist »so gesund und Ferdi ein Lapp, ein Chiffon gegen mich«.