Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 364 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829859-2829863-2892949--41326-2893071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
364 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman und kränklich und hat — krumme Beine. Er wird von der ganzen Umgebung als Judenkind betrachtet, auch von Ulrich, dem Bruder: »Der Wolf ist ein Jud, er hat Plattfuße und eine krumme Nase«. Aber er ist von früh auf weich, nachgiebig, voll Mitleid für alle Armen. Er schließt sich eng an die vereinsamte Mutter. Eines Tages fragt er sie: Was sind die Juden? Sie erklärt ihm: Die Juden waren ein Volk des Altertums, sie wurden von den Römern besiegt und unter alle Völker des Erdballs zerstreut. »Warum wehrten sie sich nicht und besiegten ihre Feinde?« »Sie waren nur wenige, und die Feinde waren viele und hatten stärkere Waffen.« »Dann mußten sie sterben«, sagt Wolfgang stramm. »Im Gegenteil, sie sollen leben und warten, bis sie stark genug werden«. »Sind Juden häßlich?« fragt der Knabe weiter. »Sie sind«, antwortet die Mutter, »häßlich und schön, wie andere Menschen auch. Du und Ulrich sind keine Juden, ihr seid getauft, seid Protestanten und Deutsche«. »Ich bin doch ein Jude«, beharrt darauf Wolfgang, »ich weiß es, du auch 1« Dasselbe erklärt er später dem reichen, jüdischen Banquier Leßmann: Ich bin ein Jude und habe alle Juden lieb. Adeline leidet unter der schonungslosen, dringlichen Aufrichtigkeit des Jungen. Alle Fragen, die sie nicht zu stellen wagt, stellt e r unerbittlich und deutlich. So bringt er sie zum Nachdenken über die Juden und zum Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit mit ihnen, indem sie ihm seine ewigen Fragen über sie beantwortet. Sie erzählt ihm von dem harten, zähen Volk des Moses, von dem Genius des Volkes, seinem Gesetz, von dem ungeheuren Weh dieses Volkes, das ihr Herz durehschneidet. Sie erzählt ihm von den Kämpfen der Makkabäer, gegen Titus, und wie die Schmach begann. »Unter den Fremden lebten die Ausgestoßenen, unter den Hauskindern die Rechtlosen. Da schlich der endlose Zug der Gemarterten, Verbannten, der Gedemütigten und Bespieenen. Mit jedem Jahrhundert änderte sich die Art der Folter. Der Genius Shakespeares