Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 362 (sequence 4)
- Language
- German
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362 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman sie sich überhaupt hier bei uns ein, wo wir sie nicht wollen? Sie haben unsere Äcker nicht bebaut, unsere Bäume nicht gepflanzt, unsere Schlachten nicht geschlagen! Auf Diebswegen schleichen sie sich ein, setzen sich an einen Herd, der für sie nicht gastlich ist. Selbst ruhelos und landflüchtig, machen sie uns alle zu Wandernden, Irrenden und Obdachlosen. Es ist ein verfluchtes Volk. Überall hin tragen sie ihren Fluch«. »Es ist so, wie du sagst«, antwortet Adeline, *wir sind verflucht. Wir schleppen einen Fluch mit und bringen Fluch. Welcher Schuld gilt er?« Mit Verlaub! Ich halte Frage und Antwort für grundfalsch. Es sind ganz leere, landläufige Romanphrasen, beeinflußt von dem für die Geschichte gewählten Titel. Die Juden haben in Palästina ihre Äcker bebaut, ihre Bäume gepflanzt, ihre Schlachten geschlagen. Bei »uns« konnten sie das nicht tun, weil sie es nicht durften, jetzt, wo sie es dürfen, tun sie es auch. Die Juden sind in Westeuropa und Amerika weder Wandernde, noch Irrende, noch Obdachlose, und nur eine »Romanjüdin« kann sagen, daß die Juden einen Fluch, d. h. einen in ihrer Natur liegenden Fluch, mit sich schleppen und überallhin tragen. Nein! Der Fluch liegt bei den Fluchenden, und das sind eben nicht die Juden. Der echte, wirkliche Jude wenigstens mag die Schranken fühlen und am Leibe spüren, die ihm eine tausendjährige Verfolgung gezogen hat, geistig, in seinem Wesen fühlt er sich von diesem Fluche überaus frei, ja als ein Begünstigter. »Warum«, fragt Laura, »bist du übergetreten? Warum wurdest du Christin, wenn du Gott nicht siehst?« Gott ist hier offenbar gleich Christus, könnte Adeline antworten, sie aber klagt nur: »Ich war so müde« und beschuldigt damit sich und die Anderen. »Du wirst nie ausruhen, du wirst immer wandern und suchen«, fährt Laura fort und: »ich weiß es«, gibt die Gräfin Rechtem zu, beide dem Titel zuliebe. Und doch war Adeline jetzt eine Christin, und dazu aus Überzeugung. Aber wo war Christus? fragt nun