Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 360 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829859-2829863-2892949--41322-2893067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
360 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman unterdrücken, schließlich müssen die Leute doch sehen, daß auch die Goldsteins in der Sache zugegeben haben. Ihr liegt wahrhaftig nichts an einem gräflichen Schwiegersohne, ja sie wundert sich sogar, daß Adeline den Grafen genommen hat. Ähnlich denkt Adelinens Schwester Hertha, die ihr Abiturientenexamen gemacht hat, aufgeklärt ist und in Zürich Chemie und Naturwissenschaften studiert. Verbittert, auch infolge einer unglücklichen Liebe zu einem Offizier, hat sie sich ganz umstürzlerischen Bestrebungen hingegeben. Sie fürchtet und findet es später bestätigt, daß die Schwester nicht glücklich sein könne. »Ich hatte so entsetzliche Angst, daß du eigentlich gar nicht zu ihnen gehörst. Viell eicht gehörst du hinein, du bist ja so vornehm und gut«. Einverstanden ist dagegen der Bruder Robert, der sich Bob nennt. Er ist von einem ganz andern Schlage als sein Vater, bei dem immer noch und überall der kleine, jüdische Handelsmann durchblickt, der vor fünfzig Jahren mit dem Bündel auf dem Rücken von Jaroschau nach Berlin gezogen war. Bob ist athletenhaft und muskulös gebaut, blond, sehr elegant angezogen, nicht schlecht, aber durchaus grundsatzlos. Das einzige gute und echte Gefühl in ihm gilt Adelinen. Ein Lebemann schwärmt er für die blonde, hochgewachsene, walkürenhafte Art, die echte Rasse, wie sie sich in Laura Renate, einer Base und Pflegeschwester Philipps, darstellt. Auch das Gut ihres Vaters steht aus derselben Ursache, leichtsinniger Wirtschaft, unter Sequester. Bob möchte sie zum Weib, wird zurückgewiesen und nimmt mit Käthe Rechtem, der Schwester Philipps, vorlieb, einem niedlichen, plumpen, sinnlichen Ding, dessen Gedanken auf Schmuck und Lebensgenuß gerichtet sind. Wer aber soll Laura heiraten, die keinen Pfennig mitbringt, die froh sein muß, wenn sie in einer Stiftstelle oder als Hofdame irgendwo unterkriecht? So drückt sich ihr eigener Vater aus. Warum aber hat Adeline Philipp genommen? Weil sie sich mit ihrem tiefen Wesen in ihrem Kreise nicht