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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1914-01-01 · Heft 3 · p. Seite 284

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
58 (1914)
Issue
Heft 3
Article
Eine missverstandene Rede Jesu
Date
1914-01-01
Page
Seite 284 (sequence 4)
Language
German
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284 Eine mißverstandene Rede Jesu, lassen, indem er sie als »Menschensatzungen« ansah. Das Beispiel dazu aber hatten ja vor ihm schon die Sekten der Sadduzäer und Essener gegeben, und der weitausholende jüdische Hellenismus blieb völlig unbeeinflußt von ihr. Zum Zeremonialgesetz verhielt er sich im Allgemeinen indifferent, er ließ es unangefochten, empfahl es sogar, wo es das religiöse Leben zu fördern geeignet, setzte sich aber darüber hinweg, sobald er sah, daß es schwere und unerträgliche Bürden den Menschen an den Hals legen wolle. Mit der starken Betonung der Barmherzigkeit aber, als des Mittel- Punktes der Religion, hatte er die unverfälscht frommen pharisäischen Schriftgelehrten auf seiner Seite. Man weiß, daß schon vor ihm Hillel erklärt habe: die ganze Thora bestehe in dem Satze: »was dir verhaßt, das tue auch deinem Nächsten nicht«; daß der Vater des Rabbinismus, Rabbi Jochanan ben Sacchai, der die römische Zerstörung des Tempels schaudernd miterlebt hatte, seine darüber jammernden Jünger mit den Worten tröstete, es sei keine Ursache, sich über die Zerstörung des Tempels so zu grämen, da es eine ihm ebenbürtige Versöhnungsstätte gebe, und das sei: dieBetätigung derLiebe, denn es heiße in der Schrift — und nun zitiert er denselben Propheten, auf welchen Jesus sich beruft — : »Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Opfer«1). Man erinnert sich, daß R. Akiba, der Heros unter den Gesetzeslehrern des ersten Viertels des zweiten Jahrhunderts, den Ausspruch tat, das Gebot: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, sei das Grundgesetz der Thora. — So zeigt sich denn hierin abermals, daß die jüdischen Gegner, die Jesu auf Markt und Straßen in den Weg traten, nicht die uns aus dem Talmud bekannten pharisäischen Schriftgelehrten, sondern nur die in demselben hartgegeißelten »Scheinpharisäer« sein konnten. ’) Abaih di R. Nathan c. 4: יש לנו כפרה אהת שהיא כסותה ואיזה זה נפילות חסדים שנאי כי הסד חפצתי ולא זבח.

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