Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eine missverstandene Rede Jesu
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 283 (sequence 3)
- Language
- German
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Eine mißverstandene Rede Jesu. 283 dennoch den wahren Sinn des Satzes nicht zu enthüllen vermochten, kommt daher, weil sie, so nahe sie auch dem richtigen Verständnis kamen, sich dennoch nicht von dem hergebrachten Vorurteil, daß hier Jesus als der Höhere dem Tempel gegenübergestellt sei, frei machen konnten. Hätte Jesus in Wirklichkeit so gesprochen, wie ihn Mathäus sprechen läßt und hätte er so verstanden sein wollen, Markus hätte diesen Passus vonwegen seiner Wichtigkeit gleichfalls gebracht und Lucas hätte gierig nach ihm gegriffen; sie wissen aber beide nichts von ihm. Und ferner lautete unser Ausspruch tatsächlich: »hier ist der, der größer ist denn der Tempel«, wozu die Beweise aus der Schrift, daß der Menschensohn auch ein Herr ist über den Sabbath? Dann stünde er ja ohnehin über dem Gesetz, über welches ihn später Paulus erhob. Das aber hat Jesus, der das Gesetz zu erfüllen, nicht aufzulösen kam, dem der kleinste Buchstabe, ein Tüttel vom Gesetz, Ewigkeitswert hatte, nie und nimmer behauptet. Nur das hat er gelehrt, daß das Gesetz nach seinem wahren innern Gehalte erfüllt werden müsse. Nein, nicht sich hatte Jesus gemeint, da er von Höherem sprach als der Tempel sei, sondern etwas ganz anderes, unter welchem schon die großen jüdischen Propheten den Tempel im wesenlosen Scheine verschwinden ließen. Sehen wir uns die Sache näher an, dann wird diese Rede Jesu eindeutig und jedermann einleuchtend. Vor allem müssen wir uns fragen, was Jesus für das eigentliche Wesen der Religion angesehen wissen wollte und worin er seine Glaubenslehre konzentrierte? Und die Antwort lautet klipp und klar: das Alfa und Omega der von ihm verkündeten Lehre war: Barmherzigkeit (חפד), Liebei Das Zeremonialgesetz war ihm lediglich Dekoration und Rahmen zu dieser Kardinaltugend, welche letztere, wie das Gesetz selber lehre, nach Zeit und Umständen verändert werden können. Nur die pharisäische Traditionslehre wollte er nicht gelten