Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 28)
- Language
- German
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236 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman Hebenstreit nur geringer Verkehr, das Gegenbiid des Verhältnisses zwischen den wohlhabenden Kästners und ihren armen Verwandten. Frau von Hebenstreit will, um eine Ehe Karls und Fritzis zu verhindern, durchsetzen, daß Leopold Fritzi bekommt. Sie ist daher während eines Besuches bei der Schwägerin gegen Leopold sehr freundlich und beschließt, ihn vorwärts zu bringen, um ihn als Bewerber wünschenswerter zu machen. Er, Fritzi und Elvira Jordan, die Tochter eines reichen jüdischen Kommerzienrates, werden von ihr geladen, letztere, weil sie sie für Karl in Aussicht genommen hat, dem die reiche Erbin gar nicht unangenehm wäre. Sie würde ihn zwar, wie die Frau Sektionschef wohl weiß, nicht nehmen, wenn sie eine Christin wäre, aber als Jüdin ist sie für Karl gut genug, denn so viele Fehler er haben mag, eine Jüdin wird sich gegen ihren christlichen Gatten keine Überhebung gestatten. »Seit der Antisemitism 11 s so stark inMode ist, sind wir Christen bei den Juden ungeheuer im Werte gestiegen. Sie reißen sich jetzt förmlich um uns, sehen ihre höchste Aus- Zeichnung darin, sich mit uns zu vermischen. Würde sonst eine Millionenerbin wie Fräulein Jordan einen Menschen ohne Position wie Karl heiraten?« Sie sucht bei dieser Gelegenheit Fritzi für Leopold zu gewinnen, zunächst vergebiich, wiewohl Karl dieser vorstellt, er könne ja ihr — Hausfreund werden; sie will einem Juden nicht einmal die Ehre gönnen, ihn zu betrügen. Karl aber erreicht mit Hilfe der Frau Jordan sein Ziel. Elvira wird seine Frau,, denn die Frau Kommerzienrat gehört zu den Jüdinnen, bei denen die Christen ungeheuer im Werte gestiegen sind; sie sehnt sich nach der Taufe und sucht auch ihren Mann zum Übertritt zu bewegen, da er sich ja doch nicht mehr als religiöser Jude fühle. »Umsoweniger darf ich mich taufen lassen,« sagt er. »Weil ich keinen Glauben mehr habe, kann ich ihn auch nicht wechseln.« Er ist