Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 27)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 235 dige Juden.« Oschmeidler gefällt ihre gesunde Art zu denken und zu fühlen angesichts der krankhaften Originaiitätssucht der Anderen, die um jeden Preis aus ihrer natürlichen Sphäre hinausstreben. Lotti scheint ihm die echte Tochter ihrer Mutter zu sein. Oft schon hat er an eine Ehe mit ihr gedacht, sie aber betrachtet es als etwas Widersinniges, Christ und Jude sind für sie elementare Gegensätze, und Gschmeidler muß ihr vorwerfen, daß das eine antiquierte Denkweise sei, daß sie nicht toleranter denke als die von ihr oft hart kritisierten Antisemiten. Alle diese Gestalten sind scharf beobachtet und treu nach dem Leben, wenn auch, wie sich zeigt, breit und unkünstlerisch wiedergegeben. Die Handlung selbst ist eigentlich einfach. ln demselben Stockwerke mit Kästner wohnen die Gegenspieler, der kleine Staatsbeamte Hebenstreit mit Frau und Tochter. Als einzige christliche Wohnpartei nehmen sie eine Art Vormachtstellung ein, weniger zwar der Vater, ein unbedeutender Mensch, umsomehr aber die Mutter, die sich ganz als Antisemitin fühlt und es keineswegs verbirgt. Sie wird von den Verachteten entweder gemieden oder — desto höher geehrt. Gleichwohl nimmt sie ihre Hilfe in Anspruch, wenn sie in der Wirtschaft etwas benötigt, sie nennt sie dann höflich — Israeliten und glaubt damit besonders zartfühlend und rücksichtsvoll zu sein. Die Juden sind ihr je nach Bedarf »a liederliche, leichtsinnige Bagaschi« oder »recht a geizigs, schmutzigs Volk«, sie haben eben alle Fehler. Um die Tochter Fritzi wirbt ernstlich Leopold Kästner, der sich durch eine solche Heirat ganz mit den christlichen Bürgerkreisen zu verschmelzen hofft. Mutter und Tochter sind zwar der Heirat abgeneigt, weisen aber die Bewerbung als Notanker nicht zurück, wenn auch Fritzi ihren Vetter Karl, den Sohn des Sektionschefs von Hebenstreit, viel lieber sieht. Zwischen diesen beiden verwandten Familien besteht infolge des Stolzes der Frau von