Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 26)
- Language
- German
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234 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman christlichen Bekannten für vollkommen verjudet und ist oft die Zielscheibe ihres Spottes. Ihn ziehen an und unterhalten die Eigentümlichkeiten des kleinen jüdischen Bürger- Standes, in dessen Mitteer lebt, und da er von Vorurteilen ganz frei und überdies ein heiterer, kluger Mensch ist, so iernt er bald diese Klasse mit ihren Anschauungen, Sitten und Gewohnheiten richtig verstehen und schätzen. Dadurch hat er eine gewisse Überlegenheit in der Beurteilung dieser Kreise gewonnen, eine höhere Unparteilichkeit, als sie sonst wohl heutzutage bei Christen und Juden anzutreffen ist. Besonders Kästners, Vater, Mutter und Tochter flößen ihm aufrichtige Sympathien ein; die, Andern ihr ganzes Leben zum Opfer bringende, Frau Kästner bewundert er geradezu, und den so anders gearteten Sohn trifft er glücklicherweise nur selten zu Hause. Die Rede ist in der Gesellschaft aufs Heiraten gekommen, und Hortense (man beachte die Namen dieser vornehmtuenden Familie wohl) Richelieu hat gerade entschieden erklärt, sie werde nie einen Juden heiraten, und ihre jüngere Schwester Yvonne schließt sich ihr an. Darüber ist Lotti sehr ärgerlich geworden und sucht, da eben Gschmeidler eingetreten ist, den Gegenstand des Gespräches zu wechseln. Hortense aber meint lachend: »Vor Herrn Gschmeidler brauchst du dich nicht zu genieren. Er ist ja ein halber Jud.« »Ein halber wohl,« antwortet dieser. »Man muß aber ein ganzer sein, um an dem Geschimpfe auf alles Jüdische Gefallen zu finden.« »Ach was,« schreit Hortense übermütig, »mir sind nun einmal die Juden und alles Jüdische zuwider« »und«, erklärt Yvonne, »die Anwesenden natürlich ausgenommen, aber sonst — nur keine Juden!« »Dieser jüdische Antisemitismus« preßt Lotti bleich und zornig hervor, »macht mich ganz krank... es gibt nichts, was mir so widerwärtig und gemein erschiene. Schämt Euch! Ihr und Euresgleichen entehrt uns andere, anstän-