Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 23)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 231 der Liebling der Mutter, ist sie der des Vaters, dem sie im Bücherladen beisteht und bei ihrer ausgesprochen kommerziellen Veranlagung die besten Dienste leistet. Und wenn andere Mädchen gesellschaftliche Beziehungen bloß des Vergnügens wegen anknüpfen, sieht sie in ihren Freundinnen auch die künftigen Geschäftskunden. Leopold ist jede merkantile Tätigkeit zuwider und nur weil er als Jude nicht Staatsbeamter werden konnte, nimmt er eine Stelle bei einer Bank an, vermeidet aber jeden Einblick in den Geschäftsbetrieb, denn alles Kluge, Fleißige, Geschäftseifrige gilt ihm als jüdisch, und jüdisch will er doch um keinen Preis sein. Versteht er aber einmal ein Geschäftsstück besser als ein christlicher Kollege, so schmäht er innerlich auf die Vererbung des jüdischen Geschäftsgeistes. Als einmal Lotti den Vater auf eine Bücherversteigerung aufmerksam macht und dabei im Eifer in singendem Tone spricht, stöhnt Leopold: »Du mauschelst, daß es zum Erbarmen ist. Schämst du dich denn gar nicht, so jüdisch zu sein?« »Wir sind doch Juden, warum sollte ich mich da schämen?« sagt Lotti. »Ich bin kein Jude, oder keineswegs mehr lang,« ruft Leopold laut und »du bist ein Schmock,« entgegnet ganz ruhig die Schwester. Frau Kästner hat zwei Brüder. Sigmund Weintraub, der ältere, ist ein ordentlicher, trotz seinem schläfrigen Wesen brauchbarer Mensch, der seine Arbeiten mit Eifer und Gewissenhaftigkeit verrichtet, aber seine Frau ist wenig häuslich und verschwenderisch. Klein und dick, von affektierter Lebendigkeit, kostbar und auffallend und dabei ungemein salopp gekleidet, gänzlich unfrisiert und wie sich bei einer eingehenderen Betrachtung kaum übersehen läßt, auch nur mangelhaft gewaschen, benimmt sie sich, obwohl schon hoch in den Dreißigern, noch wie ein junges Mädchen. Jakob Weintraub, der jüngere Bruder, hält es, wiewohl nicht unbegabt, wegen seiner Faulheit und Unverträglichkeit nirgends aus. Er ist ein kleiner Mann mit einem