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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1914-01-01 · Heft 2 · p. Seite 230

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
58 (1914)
Issue
Heft 2
Article
Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
Date
1914-01-01
Page
Seite 230 (sequence 22)
Language
German
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230 Die Darstellung dar Juden im deutschen Roman Vater ist jung nach Wien gekommen, jüdelt noch oft, kann aber nur einige hebräische Gebete aus frühester Jugendzeit, denn seit des Vaters Tode geht er kaum mehr in die Synagoge. Auch Frau Kästner, die echte jüdische Hausfrau, spricht gelegentlich im Jargon, schafft unverdrossen den ganzen Tag und sorgt nicht nur für die eigene Familie, sondern auch für das Wohl und Wehe ihrer sämtlichen Verwandten. Abgöttisch liebt sie ihren Sohn, sie bewundert jede seiner Handlungen und bedauert ihn, obwohl er sehr gesund ist und sich als kleiner Bankbeamter wenig zu plagen braucht. Er ist 26 Jahre alt, groß, blond, mit hübschen frischen Zügen, besitzt aber zu seinem Leidwesen eine etwas zu lange, auch ein wenig zu gekrümmte Nase. Ihm gegenüber steht für die Mutter die hübsche, brünette Tochter erst in zweiter Linie. Kästner hat früher Kohn geheißen; seit einem Jahre erst fühlt er den neuen Namen, obwohl es ihm schwer gefallen war, den alten abzulegen, den sein Vater in Ehren getragen. Aber Leopold hatte nicht nachgelassen; er halte es nicht mehr aus, Kohn zu heißen, er gehe daran körperlich und moralisch zugrunde. Die Affenliebe der Mutter unterstützt ihn, »das Kind hat einen so feinen Geschmack, sein ästhetisches Gefühl wird durch den Namen beleidigt.« Von dem Augenblick an, wo Leopold nicht mehr Kohn heißt, meidet er nach Mög- Iichkeit alle Glaubensgenossen und bemüht sich in echt, d. h. unverfälscht christlichen Kreisen Einlaß zu finden. Zu Hause besteht der Hauptgegenstand seiner Gespräche darin, daß er gegen die Juden wettert und schimpft. Der Vater hat sich anfangs dagegen gewehrt, sich aber bald daran gewöhnt; es war ja nichts Seltenes, die Abneigung gegen alles Jüdische griff eben in jüdischen Kreisen, namentlich unter dem jüngeren Geschlecht, reißend um sich. Auch mit Lotti verträgt sich Leopold nicht; sie fühlt sich als Jüdin und will auch in ihrem Wesen und Tun hre jüdische Eigenart nicht verleugnen und wie der Bruder

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