Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 21)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 229 Der Verfasser, der Direktor einer Wiener Bank, ist gewiß vermöge seiner Stellung und seiner großen Kenntnis der mittleren und höheren jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaftskreise geeignet, an die Verhältnisse heranzutreten» die der Titel bezeichnet. Was er will, legt er selbst in einem vorgeblichen Briefe an einen Freund dar, der als Vorwort dienen soll, so erschöpfend und treffend, daß ich nicht umhin kann, die bezeichnendsten Stellen herzusetzen und zunächst den Verfasser selbst reden zu lassen. Ob es ein sogenannter Schlüsselroman ist, wie gesagt wird, kann gleichgiltig sein, sollte es jedem Beurteiler sein; es handelt sich nicht um einzelne Personen, sondern um eine wichtige Frage und es darf nur geurteilt werden, ob sie richtig gestellt und beantwortet ist. »Sie predigten«, schreibt also Dessauer, »voll Überzeugung die Mischehe. Indessen schwärmten sie doch nur für jene Mischehen, die zugleich Herzensbündnisse sind. — Ich spreche von jener fast krankhaft übertriebenen Hinneigung eines Teiles der modernen Großstadtjuden zu ihren christlichen Mitbürgern bei gleichzeitiger Abkehr von den eigenen Standesgenossen, die in ebenso großer Geringschätzung des jüdisehen als b ed in g ungsl o se r Bewunderung des christlichen Wesens ihren Grund hat. Aus dieser eigentümlichen Geistesverfassung entsteht ein fast fieberhaftes Verlangen, sich Christen anzuschließen, ihnen nachzuahmen und sich endlich, wo es angeht, durch Heirat mit ihnen zu vermischen.« Da es mir auch in diesem Falle auf eine ästhetische Würdigung nicht ankommt, will ich, meiner Aufgabe entsprechend, nur die Hauptzüge der Handlung, die wichtigsten Personen und — deren Darstellung vorführen. Wir lernen zunächst die Familie des Buchhändlers und Antiquars Kästner kennen, bestehend aus Vater und Mutter, dem Sohne Leopold und der Tochter Lotti. Der