Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 8)
- Language
- German
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216 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman Leidenschaft die Atmosphäre sei, darin er einzig leben könne. Seine Gesten sind weit, übermäßig edei, als ob er auf einem Forum stünde. Er ist ein Kinderfreund und die Kinder lieben ihn. Sein Gesicht zeigt bei solchen Gelegenheiten eine leidende Verzücktheit, eine krankhafte Ekstase; es scheint wie Liebe und Hingebung, die nach Verwirkiichung außerhalb des Menschlichen strebten. Wer versteht das? Gegen ihn, der übrigens eine Nebenperson ist, fühlt sich Fräulein Renate Fuchs, die Heldin des Romans, eine Arierin, eingenommen, Auf die Frage Wanderers, des zweiten Helfers Gisas, warum? antwortet Renate, doch durchaus nicht haßerfüllt, sondern fast flehentlich: »Erstens — ich hasse die Juden, und dann ist es ja stadtbekannt, was der alles treibt. Kindern schreibt er Briefe, in jedes Mädchen ist er verliebt, dann predigt er Dinge, an die man gar nicht denken darf, sitzt in schrecklichen Lokalen bei schrecklichen Frauenzimmern. ... Er wirft sich zum Retter der Frauen und Mädchen auf, vor den. Männern will er sie retten; er sagt: »Ein Mann kann fallen, eine Frau kann niemals fallen; die Frau hat eine Asbestseele. Sie bleibt unversehrt im Feuer des Lebens.« Das ist die Ouvertüre; denn Renate Fuchs fällt nach den Begriffen unserer gottlob noch immer bestehenden bürgerliehen Gesellschaft, in der es — und ich denke nicht bloß theoretisch — noch immer so etwas gibt, wie weibliche Ehre, ein Begriff, der nach Wassermann allerdings anders gefaßt werden muß, so etwa wie »die freie Liebe«. Und Renate fällt ganz unnötiger Weise. Dieser Süßenguth nun meint, man müsse Gisa Schumann irgendwohin bringen, bei ihm könne sie nicht bleiben. »Es wäre eine christliche Tat« ruft er, der Jude, ganz ernsthaft aus. Das hindert aber nicht, daß Gisa doch seine Geliebte wird. Ein anderes Judenmädchen ist Elwine Simon; auch ihr Schicksal geht Renaten zu Herzen. Sie haben sich, es ist zwar sehr unwahrscheinlich, da Renate