Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829859-2829862-2892802--41161-2892894- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
210 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman Vater war ein Sklavenhändler in Amerika gewesen — so daß sie sich blutig geißelt, um die Sinnlichkeit zurückzudrängen. Sie weiß sich jedoch später zu trösten. Am andern Tage kehrt Agathon — die vielen, meist unvermittelten Sprünge sind nicht meine Schuld, ich folge der Erzählung — ins Dorf zurück und in das Haus der Frau Olifat. Monika gibt ihm zu verstehen, daß sie durch Gudstikker gefallen ist. Das darf uns nicht überraschen. In den Juden von Zirndorf und in Renate Fuchs fallen alle jüdischen (und beiläufig alle nichtjüdischen) Mädchen; es gibt unter ihnen keine Keuschheit; W. (oder ausgeschrieben Wassermann) kennt eben als Jude sein Volk sehr genau. Wieder ganz unvermittelt — ich vermute nur, daß er wie Buddha, bevor er Reiigionsstifter wird, möglichst viel Elend sehen muß — trifft Agathon eine vertriebene russische Judenfamilie, die vor Hunger und Elend nicht weiter kann. Er veranlaßt ihre Unterbringung, und in der Nacht, die folgt, kommen die Gedanken. Ich glaube aber, sie wären besser nicht gekommen; sie sind von derselben Güte wie die früheren. Nämlich, »er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit mit seinem Volk, und doch haßte er dieses Volk jetzt mehr als je. (Warum?) Er haßte die Frommen und haßte die, die sich des religiösen Gewandes entäußert hatten (also auch sich??) und wie Trümmer eines großen Baues verloren auf dem Ozean des Lebens trieben, verachtet oder mächtig, doch auf jeden FallSchmarotzer auf einem fremden Stamm. Inmitten fremden Lebens ein fremdes Volk, voll gezwungener Fröhlichkeit in einem unsichtbaren Ghetto. Der alte Herrlichkeitsgedanke ist verrauscht und mit den Spuren zweitausendjährigen Elends am Leibe spielen sie die Herren und bedecken ihre Wunden, ihre Unzulänglichkeit, die Schmach der Unterdrückung mit einem Mantel von Gold. Und er haßte auch die andern, diese ungroßmütigen Gastgeber mit ihrem Munde voll