Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Eine unbekannte jüdische Sekte
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine unbekannte jüdische Sekte. 153 ferner gesehen, daß dies auch die Ansicht ist, welche im Buche der Jubiläen und im slavischen Buche Henoch herrscht. Wie weitherzig das pharisäische Judentum in seiner Auffassung der Nächstenliebe war, zeigt am besten der bekannte Ausspruch des Tannaiten Ben Assai, der mit Bezug auf Gen. V, 1 bemerkt: »dies ist der große Grundsatz der Thorah: An dem Tage, an dem Gatt Adam schuf, machte er ihn im Ebenbilde Gottes.« Die Ähnlichkeit der Menschen mit Gott ist es, aus der unsere Pflicht der Menschenliebe folgt; wir müssen Gott lieben und unseren Nebenmenschen, der im Ebenbild Gottes erschaffen ist* 1). Unsere Schrift befindet sich demnach in scharfem Widerspruch zu den Rabbinen sowohl als auch zu den apokryphischen Schriftstellern, wenn sie die Nächstenliebe auf den Bundesbruder beschränkt. Einen eng sektiererischen Standpunkt vertritt unsere Schrift auch mit Bezug auf die in ihr wie in der rabbinischen Literatur stark betonte Bedeutung »der Väter«. »Eingedenk seines Bundes mit den Vorfahren, hat er Israel einen Rest gelassen und sie nicht ganz der Vernichtung preisgegeben«, lautet eine Äußerung in den ersten Sätzen der Schrift. Sogar der Text der Bibel wird geändert, rung zu diesem רעך gibt, das nach Ansicht unserer Schrift, wie der der Rabbinen, Nebenmensch, bedeutet. Im Buche der Jub. XXXVI, 14 ermahnt Isaak seine Söhne Jacob und Esau: ־‘liebt, meine Söhne, untereinander eure Brüder«, was eine ungenaue Wiedergabe des Hebräischen: בני אהבו איש את אחיו »liebt ein jeder den andern.« אחיו ist hier gewählt anstatt רע der Bibel, weil Isaaks Söhne feindliche Brüder waren, und daher die Ermahnung, wie liebevolle Brüder mit einander zu leben, am Platze war, und ähnlich ist es in den Testamenten. 1J Siira zu XIX, 18; eine reiche Zusammenstellung des Materials über die Auffassung der Nächstenliebe bei den Rabbinen gibt Theodor in seinem Kommentar zu Gen. r. XXIV, 236, der aber auffalienderweise keine der im Texte aus den drei Apokryphen angeführten Stellen erwähnt. Ben Azzai wie R. Akiba sehen im Gebote der Nächstenliebe und in der Angabe der Gotiähnlichkeit des Menschen zwei sieb ergänzende Lehren.