Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 652 (sequence 12)
- Language
- German
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652 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman löcher und auf die Watte hatte sie von dem wohlriechen«? den Wasser geträufelt, das Simon für sie kaufte. Sie hüllte das Kleid fest um ihre Gl eder, um nur nicht die anderen (jüdischen) Kinder zu beiühren.« Aus der Schule holt sie der Pflegevater ab, und es freute ihn von der »Behändigkeii ihres Verstandes« zu hören; es ist nicht der einzige Gewinn, den ihr das Ghetto bringt. Mit 14 Jahren besucht sie täglich eine Bilderausstellung. Einer der jungen Maler nahm sie mit in sein Atelier. »Rachel lag nackend auf einem Tigerfell und ließ sich malen. Es war Stille in ihrem Blut, obwohl der Maler ihr Gefallen erregt hatte. Aber die Klugheit, die ihr der Aufenthalt im Ghetto eingeflößt hatte, behielt die Übermacht, und aus Berechnung blieb sie keusch.« Da haben wirs also. Die Christin, die sich sonst so ablehnend gegen das jüdische Wesen, wie es sich im Kopfe der sinnigen Frau Michaelis spiegelt, verhält, wird just inbezug auf das Schichte verjudet. »Es war ihre Absicht, sich, wenn die Zeit gekommen war, demjenigen z u verkaufen, der am meisten bot« Aber diese Klugheit, die ihr der Aufenthalt im Ghetto ein geflößt hatte, hindert sie nicht, sich in Ägypten von einem Eseltreiber — schänden zu lassen. »Er war zwanzig und ich achtzehn Jahre alt« erzählt ruhig diese kühle Person, die sich den Meistbietenden hatte verkaufen wollen. Sie kann eben auch anders; es bleibt nur unklar, ob der Vorgang mehr dem christlichen Blute oder dem Einflüsse des Ghettos zuzuschreiben ist. Und Simon? Er gewährt ihr alles, nur den Stadtteil seiner Väter zu verlassen kann sie ihn, der ihr sonst nicht das geringste Hindernis in den Weg legt, nicht bewegen. Damit endet die 21 Seiten einnehmende Einl itung des 246 Seiten zäh• lenden Buches und — zugleich der Ghettoroman. Uns geht die fernere Geschichte der lieben Pflanze eigentlich wenig mehr an; alles Folgende spielt in — Wales und einer englischen Hafenstadt, wo wir Fräulein Rachel als Hausgenossin eines Herrn van Grooteri finden, dessen