Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 650 (sequence 10)
- Language
- German
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650 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman die Diamantenschleifergasse denkt er an die Steine, »deren Anschauen allein eine Wonne war, die man wohl mit der Wonne vergleichen konnte, mit der Moses in das gelobte Land hineinsah. (Das ist doch ein unvergleichlicher Vergleich!)-.. Und Simons Augen wurden (in der Dämmerung natürlich) grau und schmal bei dem Gedanken an den kleinen Lederbeutel, den er am bloßen Leibe trug und der Strahlen von Hitze unter der Haut verbreitete (!) und er seufzte«. »Hätte er ein Weib, er würde sie a le fassen lassen und ihr den Schatz als Darlehen reichen (!), denn auch sein Vater hat es so mit der Mutter gehalten und die Ringe und Ketten unmittelbar nach ihrem Tode von ihren Fingern und dem Halse (wo wieder bekanntlich sterbende Jüdinnen alle, alle, Ketten tragen) gelöst und während er bei der Leiche betete, die Steine aus der Fassung gebrochen und in den Beutel genäht, den wieder Simon von der Lende (?) des Vaters gelöst und trug sie nun an der seinen«. Man muß zugeben, daß das ganz realistisch ist und daß die »Dichterin« die tiefsten Kenntnisse von dem Gemüts- und Seelenleben der Juden besitzt. Würde sie sonst einen Ghettoroman schreiben? Unter diesen zarten Gedanken also schleicht der gute Simon in das Haus. »Der Dunst von Zwiebeln und kochendem Weißkohl umhü 1t ihn«. Die armen gutmütigen Judenweiber nähren das Kind an ihren Brüsten. Und das war das Glück, das er gefunden hat Mit wahrer Affenliebe (auch das stimmt ganz zu dem Charakter) er- und verzieht er den Findling. Leider hat Rachel (so wird die Kleine genannt) durchaus keine Neigung zu Kohlsuppe, und diese instink mäßige, angestammte Abneigung erstreckt sich leider auch auf den Geruch von Knoblauch, den sie gleichfalls nicht ausstehen kann. Der mitleidige Leser male sich die Qualen des armen Simon aus, der seine Ideale so verschmäht sieht. Aber was tut nicht alles die Liebe eines schmutzigen, geizigen Juden zu einem ge-