Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 649 (sequence 9)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 649 schöne Bild. Um Kinder, gesunde Kinder zu bekommen, will er heiraten. Das gelingt ihm aus verschiedenen Giünden nicht, die Häßlichkeit allein wäre bei einem Juden ja kein Hindernis. So geht er allmorgendlich über den Lumpenmarkt, wühlt mit dem Stock in den verschiedenen Haufen und schließt kleine, geizige Geschäfte mit den alten leckäugigen Glaubensgenossen ab, die zwischen den Lumpen sitzen, als seien sie daraus emporgewachsen. Infolge eines Traumes, der ihm versprochen hat, daß er am folgenden Morgen dem Glücke begegnen werde, läuft er den ganzen Tag, ohne ein Geschäft zu machen, umher, bereut das aber zuletzt doch und beschließt, um die verlorene Zeit einzubringen, an den beiden nächsten Feiertagen auf den Genuß seiner Kohlsuppe zu verzichten. So kommt er, der fromme Jude, gegen Abend, man denke nur, auf —־ den Christenfriedhof. Hier scheucht er eine Frau auf, die bei seinem Anblick nicht etwa vor seiner Häßlichkeit, sondern, weil sonst die tiefsinnige Geschichte nicht möglich wä e, entflieht und ein Bündel zurückläßt, in dem er einen Säugling findet, den er, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, nach Hause mitnimmt. Zur Erhöhung der Natur- Wahrheit ist es Freitag Abend, an dem besonders die Juden Christenfriedhöfe besuchen. Am Freitag Abend sind auch die Ghettogassen bis zum Gedränge angefüllt mit rufenden und schreienden Menschen. »Im Schein der schwälenden Lampen, die die Verkäufer an Stangen über ihren Karren oder Tischen aufgehängt hatten, sah er Hunderte von Armen und Händen, die wie Drohungen in der Luft ׳herumfochten. Auf den Karren lagen Fische und Obst und Gemüse in Haufen. Am durchdringendsten war der Geruch von Zwiebeln und Fischen, die in großen Kesseln in Fett gekocht mit großen Kellen aufgefüllt wurden. Unter den Kessel lohte das Feuer«. Alles am Freitag Abend! Simon war an diesen Lärm und diese Erregung gewöhnt, die dem Sabbathfrieden vorangingen. Auf dem Heimwege durch