Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 644 (sequence 4)
- Language
- German
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644 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman gelangen, daß die Urteile der modernen, selbst hervorragenden Schriftsteller, soweit sie unser jüdisches Leben betreffen, sehr subjektiv gefärbt sind. Und der Grund dafür liegt darin, weil, wie es scheint, die meisten dieser Dichter und Schriftsteller das Judentum nur aus der Ferne kennen lernen, keine eigene Einsicht in unser Leben, unser eigentliches Milieu nehmen. Auch hier gilt der Satz: Wer das Judentum will verstehen, muß in seine Lande gehen.« Es ist einer der größten Fehler, und er wird fast von Allen begangen, alle Juden über einen Kamm zu scheren; sie werden entweder als ganz schwarz oder als ganz weiß dargestellt. Man vergißt ferner, daß an der außerordentlichen Individualisierung des heutigen Lebens und der heutigen Menschen auch der Jude seinen Anteil hat. Es gibt nicht Juden schlechthin, sondern deutsche, englische, französche, polnische usw. Juden. Bleiben wir aber bei deutschen Juden, zu denen ich natürlich auch die deutsch-österreichischen zähle, so zerfallen sie in vielleicht noch zahlreichere Unterabteilungen als ihre andersgiäubigen Staatsgenossen. Wir haben östliche und westliche Juden, von welchen die ersten zum großen Teile noch in mittelalterlichen Zuständen und Oedankengängen leben, im ersten Geschlechte selbst dann noch, wenn sie ihre Heimat verlassen haben, ein Umstand, der von Berliner und Wiener Schriftstellern in der Regel vergessen wild. Es gibt Land- und Großstadtjuden. Für die ersten wieder sind die Ghettomauern nur äußerlich gefallen. Sie mit ihren guten und schlechten Eigenschäften zu zeichnen, war Aufgabe der Ghettogeschichten, wie sie mit mehr oder weniger Geschick von Bernstein, Kompert, Kulke u. a. geschrieben worden sind. Von Juden geschrieben sind sie meist einseitig und kämen für meinen Zweck auch dann nicht in Betracht, wenn ich es unternähme, die ganze Frage zu behandeln. Sie erwecken in solchen, die ihre Jugend noch in der kleinen Ghettoge-