Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 626 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829851-2829857-2892507--40780-2892635- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
626 Besprechungen, fluktuierenden Charakter, da während der Judenverfolgungen zahlreiche Familien ihr heimisches Vaterland verließen, aber nach Wiederherstellung geordneter Verhältnisse in ihre Heimat zurückkehrten und Deutschland nur als Darchgangsstation betrachteten. Aber nicht nur die Auswanderung, auch die Binnenwanderung bat auf die soziale Struktur und die natürliche Vermehrung der jüdischen Bevölkerung einen gewaltigen Einfluß gehabt. In den letzten 20 Jahren hat sich ein Aufsaugungsprozeß der jüdischen Bevölkerung durch die Großstädte und besonders durch Berlin vollzogen. Ein Fünftel aller preußischen Juden wohnt in Berlin, fast drei Fünftel in Städten mit mehr als 50.000 Einwohern, von denen mehrere noch auf die nächste Umgebung Berlins entfallen, was Segall zu erwähnen vergißt, und kaum ein Drittel in Gemeinden unter 20.000 Einwohnern, bei den übrigen Bundesstaaten zeigt sich mehr oder weniger derselbe Zug der Konzentrierung. Die Auswanderung dezimierte die jüdische Bevölkerung meist um ihren jugendkräftigen Teil, die Binnenwanderung drückte ihr den Stempel der Großstadtbevölkerung auf, so daß sie, ein kleiner Ausschnitt der gesamten deutschen Bevölkerung, einen andern Altersaufbau und eine andere Wohn Verteilung nach Stadt und Land aufweist, als die Gesamtheit. Hauptsächlich in der Wanderung ist unseres Erachtens der Hauptgrund für den Rückgang der Geburts- Ziffer unter der jüdischen Bevölkerung zu erblicken. Die anderen Gründe für diese traurige Erscheinung, die Segall ins Feld führt,, scheinen uns nicht von der Wichtigkeit zu sein, als die Wanderung. Gewiß hat die Umwandlung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der deutschen Juden während der letzten 25 Jahr© mit zur Geburtenverminderung bei getragen, aber der Beweis ist nicht erbracht, daß diese Aenderung im gesamten deutschen Volkskörper nicht ebenso Platz gegriffen habe, wie bei den Juden. Zugegeben kann auch werden, daß durch Taufen und Mischehen dem Judentum ganze Familien mit ihrem Nachwuchs verloren gehen, aber die Zahl der Convertiten war im Anfang des 19. Jahrhunderts in den Groß- Städten Deutschlands auch eine bedeutende, ohne daß darunter die Fruchtbarkeit der gesamten jüdischen Bevölkerung litt. Und was. schließlich die abnehmende Religiosität und die rationalistische Denkweise betrifft, so sind ihre Fortschritte bei den Juden kaum; größer, wie in der städtischen Bevölkerung überhaupt, es sei denn, daß die Kanzelredner, die sich in rationalistische Erörterungen ergehen, beim Judentum stärker vertreten sind, als bei deH anderen Konfes» sionen. Ganz einverstanden können wir uns auch nicht mit der Behauptung Segalls erklären, daß in den sozial hoch stehenden Klassen,