Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 522 (sequence 10)
- Language
- German
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522 Die neuhebräische Aufklärungsliterafur in Galizien. pathien verdächtig waren. Auch Juda Löb Misis mußte sich von seiner Frau scheiden lassen. Das weitere Vorgehen der Maskilim gegen den persönlich hochachtbaren R. Ornstein war ebenso kleinlich, ja bubenhaft. Die Kritik verband sich mit Bekiut (Belesenheit) und Charifut (Scharfsinn). Blatt für Blatt gingen sie seine Bücher durch, versahen sie mit höhnischen Randbemerkungen und Hinweisen und schickten die so präparierten Exemplare dem greisen Rabbiner ins Haus. Sie verdächtigten diesen außergewöhnlich gelehrten und charaktervollen Mann als einen Plagiator und literarischen Dieb, ihn, den alle Welt als den Inbegriff der höchsten Talmud-Weisheit verehrte und vergötterte, ln der Tat war auch sein eigenes Selbstbewußtsein nicht gering. Dem eigenen Reichtum an Wissen gegenüber erschien ihm jeder gewöhnliche Talmudgelehrte als ein zu unendlicher Bescheidenheit verpflichteter Anfänger. Schon die Veröffentlichung seines Hauptwerkes ישועות יעקב, dieser Enzyklopädie von Gelehrsamkeit und Scharfsinn, reichte hin, ihm den Titel eines unerreichten Gaon (גאון הגאונים) zu sichern. Die erlittene Verunglimpfung kränkte ihn tief. Eines Tages er war gerade zwischen dem Anlegen der Hand- und Kopf-Tephillin — fand man ihn tot in seinem Studierzimmer. Trotzdem er hoch betagt war, schrieb man seinen Heimgang den Maskilim zu, wodurch der Haß gegen die importierte Aufklärung nur noch verschärft wurde. Nichtsdestoweniger wuchs die Maskilimpartei in der Folge immer mehr an. Zu Beginn der vierziger Jahre übernahm siebereits die Leitung der Gemeinde und ging an die Gründung moderner Gemeindeinstitutionen. 1845 entstand die jüdischdeutsche Schule, 1846 wurde der jüdische Tempel errichtet, dessen Bau von den höchsten Kreisen tatkräftig gefördert wurde1). Als Direktor und Prediger wurde der bisherige Rabbiner in Hohenems, Abraham Kohn, berufen, der auch dazu ausersehen war, die Stelle des verstorbenen Ornstein ‘) Jahrbuch für Israeliten für das Jahr!848,. S. 21 ff. Wien 1848.