Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 521 (sequence 9)
- Language
- German
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Die neuhebräische Aufidärungsliteratur in Galizien. 521 allem gegen Salomo Loeb Rapoport und Hirsch Natkes 'שני אנשים צעירים ומפורסמים לגנאי" gerichtet war und ihnen vorwarf, daß sie öffentlich die Tora ללשון אשכנז übersetzen, den »Biur« von Moses Dessau lernen und ihren Genossen und Bekannten raten חכמות ולשונות שונות zu lernen. Es ist noch heute nicht erwiesen, ob Ornstein selbst den Bann geschleudert oder davon gewußt hat. Jedenfalls ist er von seiner Umgebung, von seinen Anhängern, ausgegangen. Die Maskilim beschwerten sich nun über den greisen Rabbiner, weil er ohne Erlaubnis der Regierung den folgeschweren Schritt getan habe. Der Rabbiner, der behauptete, von nichts gewußt zu haben, wurde verurteilt, in einer deutschen, in der Hauptsynagoge abzuhaltenden Predigt den Bann zu widerrufen und zu erklären, das Studium der deutschen Sprache und der modernen Wissenschaft sei nach den mosaischen Satzungen erlaubt. Eine reindeutsche Predigt ging aber über die Leistungsfähigkeit des altpolnisch gebildeten Rabbiners weit hinaus. ״היולד גוי פעם אתת? והפה שאסר ללמוד אשכנזית איך יתיר?" Hier war guter Rat teuer. Da verfiel man auf folgenden Ausweg. Der Rabbiner verfaßte die anbefohlene Predigt. Vor dichtgedrängtem Auditorium und in Gegenwart des Regierungsvertreters las er sie mit leiser Stimme vor. Neben ihm stand auf der Erhöhung der beeidete Dolmetsch der hebräischen Sprache, welcher jeden größeren Passus laut wiederholte und erklärte. Hinter dem Rabbiner aber stand — so erzählt man — einer der späteren großen Leuchten der Haskala, Juda Löb Misis, nach einer anderen Sage, ein kleiner jüdischer Diurnist am Lemberger Magistrat, und rief dem Rabbiner zu: »Lauter, Rabbi«! Daß dieser betrübende Vorgang dem Judentum, vor allem aber der! Maskilim, nicht zur Ehre gereichte, liegt auf der Hand. Die Kluft zwischen den Fortschrittlern und den Konservativen wurde nur noch vertieft. An die fünfzig Ehepaare mußten, dem Willen der Eltern gemäß, auseinandergehen, weil die jungen Eheherren ketzerischer Sym-