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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1913-01-01 · Heft 5 · p. Seite 519

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
57 (1913)
Issue
Heft 5
Article
Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
Date
1913-01-01
Page
Seite 519 (sequence 7)
Language
German
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Die neuhebräiscbe Aufkiärungsliteratur in Galizien. 519 Sie waren weniger der Kampf zweier Weltanschauungen; — obwohl auch dieser Gesichtspunkt nicht übersehen werden soll — als ein Kampf zweier Gesellschaftsgruppen. Von der einen Seite der Rabbiner- und Parnassimadel, die »seidenen« Juden, die »Mejuchcßim«, meistens das Produkt der vor dem »Rozbiör«1) herrschenden Zustände, welche im alten Polen die höchste Geltung im Ghetto besessen hatten; andererseits die sich allmählich heraribildende Aufklärungsaristokratie: das Produkt der Zustände seit 1773. Die heftigsten Zusammenstöße zwischen beiden Gruppen fanden 1815 und 1848 statt. An der Spitze der Lemberger Gemeinde stand seit 1805 Rabbi Jakob Ornstein. Dieser Mann, welchen die Maskilim als den »Großinquisitor« von Lemberg, als Ignoranten, Plagiator und Finsterling verschrieen, war in Wahrheit einer der größten Rabbiner, welche das polnische Judentum je hervorgebracht hat. Er verband ein ungeheures enzyklopädisches Wissen auf dem Gebiete der Talmudliteratur mit großem Reichtum und stolzem unabhängigem Sinn — ein wahrer jüdischer Kirchenfürst! Davon zeugt folgender ihm zugeschriebener Ausspruch. Als ihn einst seine Umgebung fragte, warum sein seliger Großvater, Rabbi Mordechai Seeb, der durchaus nicht als »Baal-bechi«, als ein zu Tränen rührender Redner, wörtlich: als ein »Mann des Weinens« galt, sogleich beim Beginn der üblichen Derascha am Schabbath -Schuba die Zuhörer zu Tränen hinriß, während bei seiner, des notorisch großen Baal-bechi, Predigt jedes Auge trocken bleibe, antwortete er: »Mein Großvater war arm, ihr aber reich, da weintet ihr aus Mitleid; jetzt seid ihr arm, ich aber der G’wir, da kann i c h meine Tränen nicht zurückhalten«. Dem entsprechend betrachtete Rabbi Jakob Ornstein sein Amt lediglich als eine Ehrenpflicht zur Lösung einer Aufgabe. Während der 40jährigen Dauer seines Amtes verzichtete er auf jedes Gehalt. Obwohl er kein entschiedener Feind jeder Bildung *) Die Teilung Polens.

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