Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 518 (sequence 6)
- Language
- German
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518 Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien. Midraschim) nannte. Gegen 1840 bildeten bereits die gebildeten Juden den wichtigsten Teil des Lemberger Theater- Publikums. Der Reisende Kohl will damals während einer Vorstellung der »Jungfrau von Orleans« im Lemberger Stadttheater im Parterre eine wahre Flut dunkler Chaläts, in den Logen eine Masse glänzender Perlenbinden gesehen haben1). Jede jüdische Renaissance beginnt mit einer Rückkehr zur Urquelle, zur Bibel, die im polnischen Ghetto ja so sehr vernachlässigt wurde, daß man sogar Bibelverse nach den Dezisoren zitierte, bei welchen sie erwähnt wurden. So war es auch mit der galizischen Haskala. Als es sich nur im Herzen Galiziens, in Lemberg, zu regen begann, entstand hier eine ganze Reihe von Bibellehrern — Poßuk- Melammedim, welche in die biblische Welt, in die Welt der Natur, der Einfalt, der Idylle, in den biblischen Stil zurückführten. Die Poßuk-Melammedim, welche sich bald in ganz Galizien ausbreiteten, waren zugleich die unermüdlichen Apostel der Haskala. Lemberg hatte mehrere solche Melammedim, deren Namen eng mit der Geschichte des jüdisch-galizischen Humanismus verwebt sind: im ersten Viertel des XIX. Jahrhunderts Rabbi Benjamin Natkis, den so genannten »Nabi«,— man nannte ihn »Nabi« (Prophet), weil er seine Schüler meistenteils mit den Propheten bekannt machte, — der die Ursache des ersten Maskilimrummels wurde; zwischen 1830—1870 den gediegenen Gelehrten und Dichter Nachman Isaak Fischmann und den berühmten Grammatiker Mose Enser. Die Kämpfe zwischen Fortschritt und Herkommen, welche den größten Teil des XiX. Jahrhunderts hindurch das gaiizische Judentum durchtobten, wurden am heftigsten in Lemberg ausgetragen und waren typisch für ganz Galizien. 1) Der Cfaalat war damals der Hauptbestandteil der Kleidung der polnischen Juden, die Perlbinäeder Hauptschmuck der polnischen Jüdinnen. Vgl. auch Schnür Peplowski, Cudzoziemcy w Galicyi, Lemberg 1898, S. 218.