Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die russische Regierung und die westeuropäischen Juden
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 488 (sequence 7)
- Language
- German
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488 Die russische Regierung und die westeuropäischen Juden. Kandidaten engagiert und fühlte sich dadurch einigermaßen verpflichtet. Lilienthal begriff wohl, daß, obgleich der Appell der russischen Regierung bei den auswärtigen Juden Anklang gefunden, die Schulreform im Ministerium nicht vorwärts schreiten konnte. Dies war leicht erklärlich.. Um Schulen zu errichten und Lehrer aus dem Auslande zu berufen, war Geld nötig. Die Regierung beabsichtigte, wie oben erwähnt, die entsprechenden Ausgaben den Juden aufzuerlegen und zu diesem Zwecke mußte ein Gesetz zur Besteuerung der Juden durchgeführt werden, was eine langwierige Sache war. Die Verwirklichung der Schulreform wurde außerdem durch die inneren Verhältnisse der Judenheit aufgehalten, der Fatanismus der Massen mußte bekämpft werden. Die Regierung hielt es für nötig den jüdischen Kreisen die Wichtigkeit der Schulreform klarzulegen, und Lilienthal machte zu diesem Zwecke weite Reisen in den Gouvernements, wo Juden ansäßig waren. Außerdem mußte noch ein Lehrprogramm und Lehrbücher ausgearbeitet werden. Lilienthal war sich all dieser Schwierigkeiten bewußt und daher beunruhigte ihn der Andrang von Kandidaten und deren Ungeduld. Um nun, wie es scheint, die Zahl der Prätendenten zu reduzieren, warf er im Ministerium die Frage auf, ob es nicht wünschenswert wäre, daß ein Artikel, der den Ausländern ein Bild der polnischen Juden, wie der Chassidim insbesondere, entwerfen, und ihnen die Schwierigkeiten auseinandersetzen, so wie auf den nötigen Eifer und die Ausdauer aufmerksam machen würde, gewiß manchen bewegen möchte seine Kräfte vorerst zu prüfen; auf diese Weise würden nur die Tüchtigsten gewonnen werden. Allein Lilienthal war es auch um die Interessen der Schulreform selber zu tun, es war ihm um das Los der Lehrer bange, die ins chassidische Milieu geraten sollten. Er befürchtete, die schlecht besoldeten Leute würden gezwungen sein sich vor den reichen Chassidim zu ernied-