Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Familie Schemtob in ihren Beziehungen zur Philosophie
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 448 (sequence 30)
- Language
- German
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448 Die Familie Schemtob in ihren Beziehungen zur Philosophie. selbständig: zu erforschen und zu ergründen, entweder weil nur wenige, die hiezu erforderliche Begabung besitzen, oder weil die meisten Menschen von den Forderungen der Zeit und von der Sorge um die Befriedigung der irdischen Bedürfnisse zu sehr in Anspruch genommen werden. Darum mußte ihnen, wenn sie nicht aller Vollkommenheit bar aus dem Leben scheiden sollten, die Erlangung jener beiden Vollkommenheiten durch die Überlieferung ermöglicht werden.1) Da jedoch die Ansichten der Menschen, die das Volk über die Wissenschaft und die Lebenszucht belehren könnten, vielfach auseinandergehen, hat Gott Israel besonders begnadigt und ihm die Thora, Satzungen und Vor- Schriften verliehen, durch die es das zeitige und ewige Heil erreichen könne. Weil aber die Wissenschaft und die Thora in den auf die Gotteslehre bezüglichen Vernunftbegriffen und auch in der Beurteilung der Satzungen und Vorschriften in vielen Punkten voneinander abweichen, haben manche geglaubt, daß die Thora und die Wissenschaft einander als Feinde gegenüberstehen. Von diesen glaubten die Einen an die Wahrheit der Thora, weil sie der göttlichen Offenbarung entstamme, verwarfen dagegen die spekulative Forschung und die Wissenschaft besonders in den Dingen, wo sie sich mit der Thora in Widerspruch setzen. Wer der spekulativen Forschung folge, der gehe ohne Stab und ohne Stütze durch das Leben; wie ein Wanderer, der in finsterer Nacht einsam durch die Wüste ziehe, könne er dem Unheil und Verderben nicht entgehen. Die Anderen sind der entgegengesetzten Ansicht, daß nämlich die spekulative Forschung die Wahrheit sei. Vernunft und Religion seien zwei Lichter; das große Licht sei die Vernunft, von der die Religion ihr Licht empfange, wie der Mond das seinige von der Sonne empfange. Wenn die ג) Diese Ausführung geht auf Maimonides (More I, cap. 34, Mischne Thora, jesode ha-Thora IV, 13) und ihrer letzten Quelle nach auf Saadia (Einleit, zu Emunot we-Deot, S. 13—14, ed. Slucky) zurück.