Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Drei neue Bücher über Rahel Lewin [Rezension]
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
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Drei neue Bücher über Rahel Lewin. 389 von Rahels Einfluß und der geistigen Atmosphäre, die sie um sich verbreitet, sind so lebhaft, daß es uns manchmal zu mute ist, als wären wir selbst ein Stündchen bei der geistvollen Frau zu Gaste. Um das Bild Rahels zu vervollständigen, entwickelt die Verfasserin vor uns das geistige Band, das sie mit Goethe verknüpfte. Sie bewunderte ihn nicht nur, sondern las, zitierte und lebte ihn. Wie fühlt sie sich in ihrem Werte gesteigert, nachdem er sie besucht hatte! Ja, die Verfasserin schreibt es dem Einfluß Goethes zu, daß Rahel sich von allen Fesseln und Hemmnissen befreite; sie lernte Mut und Resignation von ihm und besaß dieselben Eigenschäften wie er: Wahrheit und Gerechtigkeit, Uneigennützigkeit und Menschenliebe. Dem Nachweis, wie tief diese letztere Eigenschaft in Rahels innerstem Wesen wurzelte, hat die Verfasserin ein ganzes Kapitel: »Gemeingefühl« gewidmet. Demokratisch und sozialistisch gesinnt, vergißt sie ihr Judentum gänzlich über dem Preußen- und Deutschtum, über dem Weltbürgertum. Und doch nicht ganz, denn sie ist stolz auf die Opferfreudigkeit der Juden zur Zeit der Freiheitskriege, und mit echt jüdischem Herzen hilft sie selbst allerorten, ohne nach Konfession oder Nationalität zu fragen. Sie haßt den verrohenden Krieg und ersehnt eine Zeit, in welcher der für jede Entwicklung notwendige Kampf ein Streit der Geister sein wird, bei dem Angreifer und Verteidiger sich nur der Waffen des geschärften Verstandes bedienen werden. Und so bezeichnet die Verfasserin Rahels Lebensanschauung als Meliorismus, in dem sie die einzig mögliche Lebensanschauung des fein differenzierten Menschen sieht. Das ganze Buch gleicht einer feinen Mosaikarbeit, zu welcher der Arbeiter alle Glasstückchen selbst zurechtschneidet und sie vor unseren Augen geschickt in übersichtlicher Weise gruppiert. Die Verfasserin hat jeden einzelnen Zug mit scharfer Menschenkenntnis heräusgefunden