Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eine unbekannte jüdische Sekte
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 302 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Eine unbekannte jüdische Sekte. Schrift in ihrer ursprünglichen Form das Kalendersystem des Buches der Jubiläen enthalten habe, so wäre noch zu beweisen, daß der zadokitische Kalender bei Kirkissani mit dem im Buche der Jubiläen identisch sei. Die Übereinstimmung mit Bezug auf den dreißigtägigen Monat zwischen den beiden Systemen beweist nichts, denn der dreißigtägige Monat findet sich in vielen Kalendersystemen, während gerade das Charakteristische aus den Zeitberechnungen des Buches der Jubiläen, nämlich die alljährlichen vier Schalttage, von Kirkissani gar nicht erwähnt wird und daher höchst wahrscheinlich bei den Zadokiten nicht üblich war. Die Gründe für die Identität des zadokitischen Buches des Kirkissani mit unserer Schrift haben sich als hinfällig erwiesen. Wir wollen aber noch weiter gehen und behaupten, daß, wenn sie auch über allen Zweifel erhaben wären, sie für die Beurteilung der uns beschäftigenden Schrift von gar keinem Werte wären. Die Karäer am Ende des ersten christlichen Jahrtausends, ja sogar »die Väter des Karaismus«, die im achten Jahrhundert blühten, wußten von der jüdischen Geschichte sicher nicht mehr — in den meisten Fällen wohl noch weniger — als ihre Lehrer, die Rabbaniten, mit anderen Worten, ihre Geschichtsquellen waren Bibel und Talmud. Nun sind Samaritaner und Zaddukäer — zu diesen letzteren gehören auch die Boethusäer — die einzigen Schismatiker, die in der talmudisch-midraschischen Literatur mit Namen erwähnt werden, und was konnte natürlicher sein, als daß die Karäer eine Schrift, die von den Rabbaniten nicht anerkannt wurde, und die Elemente enthält, die ohne Weiteres als häretische vom Standpunkte des Rabbanismus, besonders des nachtalmudischen, zu erkennen sind, was könnte, sagen wir, natürlicher sein, als eine solche Schrift den Zaddukäern zuzuschreiben. Einen samaritanischen Ursprung für eine Schrift anzunehmen, in der die Propheten neben dem Pentateuch als göttliche Offenbarungen zitiert werden, in der