Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 57 (1913)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Christliche Talmudforschung
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 22)
- Language
- German
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150 Christliche Talmudforschung. Übrigens ist Entschuldigung nicht notwendig. Das Judentum kennt keine sündenfreien Menschen, es lehrt, daß es keinen gerechten Menschen auf Erden gibt, der nur Gutes täte und nicht sündigte1); es ist also auch beim hervorragendsten und bedeutendsten Menschen eine Entgleisung nicht unmöglich2). Aber selbst, wenn die Erzählung in Kallah historisch wäre und der Fall R. Jochanans sich so verhielte, wie Beer ihn darstellt, ist der Satz: »wie nötig war gegenüber solcher gelegentlichen jesuitischen Heuchelei der berufensten Führer des Judentums die Ethik des Christentums!« ganz sinnlos. Die Ethik des Christentums sollte also ge- Jegentliche Verstöße gegen die Wahrhaftigkeit unmöglich machen. Das ist wider die natürliche Logik und gegen die Geschichte. Was der Ethik des Judentums mit ihrer voll ausgebauten, strengen, unvergleichlich fein ausgebildeten Lehre der Wahrhaftigkeit3) nicht gelang, das sollte die Ethik des Christentums, deren Forderung der Wahrhaftigkeit in einigen wenigen, aus der Ethik des Judentums herübergenommenen Sätzen besteht, zustande bringen? Und was lehrt die Geschichte? Hat es etwa trotz der Ethik des Christentums nicht christliche Herrscher, doch berufene Führer des Christentums, gegeben, die Verrat geübt und Treu- und Eidbrüche begangen haben? Und hat es etwa trotz der Ethik des Christentums nicht unter den berufensten Vertretern des Christentums, den Päpsten, den vergöttlichten, irrtumlosen und unfehlbaren Statthaltern Christi, welche gegeben, die es mit der Gewissenhaftigkeit und der Wahrhaftigkeit nicht pedantisch genau nahmen? Kennt die Geschichte keine päpstlichen Eidbrüche und Entbindungen des J) Koheleth 7, 20. Vgl. Sanhedr. 46b, 101a. In letzterer Stelle ist es R. A k i b a, der diesen Grundsatz betont. Vgl. noch Midr. Ps. 16, 1. ä) Vgl. Aboth II, 4; Berachoth 29a. *) Vgl. darüber Lazarus, Ethik des Judentums I, 304 ff; Perles, Bousset’s Religion des Judentums, S. 74—78; Giidemann, Jüdische Apologetik, S. 197 ff.