Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jean Jacques Rousseau und das Judentum
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 656 (sequence 16)
- Language
- German
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656 Jean Jacques Rousseau und das Judentum. der Leichtfertigkeit der französischen Aufklärung zu sprechen. Hegel bezeichnet sie in der Geschichte der Philosophie als den Angriff des vernünftigen Instinkts gegen den Zustand der Ausartung, als eine Zerstörung des bereits in sich Zerstörten.« Wie so vieles in dem Schicksal Rousseaus und in seinen Zielen an das der jüdischen Gesamtheit erinnert, so ist dies auch mit der einen mißverstandenen und später von dem Urheber selbst in Wegfall gebrachten Äußerung Mommsens der Fall, wonach das Judentum als »Ferment der Zersetzung« zu betrachten sei. Die Nachwelt ist spät aber schließlich doch den unleugbaren großen Verdiensten Rousseaus, der nur an der Zersetzung dessen wirkte, was in sich morsch war, gerecht geworden. Vielleicht wäre dies früher geschehen, wenn das Privatleben Rousseaus seinen Lehren besser entsprochen hatte. Aber auch das Privatleben anderer Geistesgrößen, darunter solcher, denen die Deutschen unendlich viel zu danken haben, würde vor einem strengen Richterspruch nicht bestehen. Aus den trübsten Verhältnissen hat sich Rousseau emporgerungen durch einen ihm eigenen unerbittlichen Drang nach Selbsterkenntnis und Selbstzucht; er hatte keinen strengeren Ankläger und Richter als sich selbst. Seine Geburt kostete seiner Mutter das Leben; seine Erziehung blieb dem Vater überlassen, der durch seine reizbare Natur und schwärmerische Veranlagung dazu wenig geeignet war und, ehe sein Sohn schon reif war, durch einen Konflikt mit einem französisehen Kapitän in Ungelegenheit geriet und Genf verlassen mußte. Der Knabe wurde nach Bossey zu einem Pfarrer gebracht, der ihn zwei Jahre unterrichtete, nach welcher Zeit er zu seinem Vater zurückkehrte, der ihn nun in Nyon zu einem Kupferstecher in die Lehre gab. Dort fühlte sich der junge Rousseau so unglücklich, daß er im Alter von 16 Jahren dem Lehrherrn entlief und bei einem katho-