Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jean Jacques Rousseau und das Judentum
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 653 (sequence 13)
- Language
- German
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Jean Jacques Rousseau und das Judentum. 653 Gleichberechtigung, trotzdem sie durch Verfassung und Gesetz seit Jahren verbrieft ist, bisher nur unvollkommen erlangt, aber noch geringere Aussicht haben, in absehbarer Zeit für unsere Religion die Stellung zu erreichen, die Rousseau schon vor langer Zeit als eine Sache der Gerechtigkeit bezeichnet hat. Von diesem Standpunkte aus, und nicht als Philosemit, hat er die Judenfrage als einen Teil der allgemeinen sozialen Frage betrachtet und auch in dieser Beziehung die Gesinnung bewährt, die er in einem Schreiben an den Abbe Reynal 1751 kundgegeben hat: »Ich weiß voraus, mit welchen großen Worten man mich bekämpfen wird: Einsicht, Wissenschaft, Gesetz, Moral, Schicklichkeit usw. Auf all dies erwidere ich nur mit zwei Worten, die mir noch volltönender sind: Tugend und Wahrheit!« Er steht dem Pantheismus Diderots wie dem Deismus Voltaires gleich fern; sein Streben ist die Rückkehr zu Gott und dem Unsterblichkeitsglauben, nicht auf Grund der Offenbarung und der Wunder, sondern des Gefühlslebens. Diese Anschauungen sind in Deutschland von Hamann, Herder, Jacoby und Schleiermacher verwertet und erweitert worden; sie sind auf den Reformator der d e uts c h e n 1 u d e n, Moses Mendelssohn nicht ohne Einfluß geblieben. Dieser hat sich eingehend mit Rousseau beschäftigt, seinen Aufsatz über den »Ur- Sprung der Ungleichheit unter den Menschen« übersetzt und mit Anmerkungen versehen herausgegeben. An Mendelssohn fand seine von fast allen Gelehrten verurteilte Beantwortung der akademischen Preisausgabe: »Ob die Künste und Wissenschaften unsere Sitten verbessert haben« einen beredten Verteidiger. Daß Mendelssohn Rousseau gegen die Witzeleien Voltaires mit Eifer in Schutz genommen hat, war nur natürlich, denn Voltaire, der durch seine energische Verteidigung ungerecht Verurteilter und seinen Kampf gegen Muckertum und Aberglauben unvergeßliche